Im Jahr 1955 war es - Wolfgang Schmidt war Schüler in Grünheide - da erhielt er die Ansage von Lehrer und Handballvereins-Chef Gerhard Waldvogel: "Du kommst mit zum Handball." Eine selbstverständliche Angelegenheit für den gebürtigen Woltersdorfer. "Grünheide war Handball-Land, auch schon damals", sagt Wolfgang Schmidt.
Fortan spielte er in der Schülermannschaft auf der Rechtsaußen-Position. Der sollte er noch jahrzehntelang treu bleiben. An mehreren Bezirksmeistertiteln war er in den folgenden Jahren beteiligt. Dabei waren die Bedingungen vor allem in den Wintermonaten alles andere als günstig. Trainiert wurde in der für heutige Verhältnisse winzigen Begegnungsstätte. Ihre Heimspiele trugen die Grünheider zunächst in Frankfurt (Oder), später in Fürstenwalde und Kienbaum aus. Erst im Jahr 2002 folgte der Umzug in die Grünheider Löcknitzhalle. Wolfgang Schmidt war bei allen Stationen dabei: "Aber ganz ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal in einer eigenen Grünheider Halle selbst spielen kann."
Heimspiele habe es freilich auch schon in den 1950er und 60er Jahren in Grünheide gegeben. Neben der Hallensaison gab es da noch die Großfeld-Spielzeit unter freiem Himmel. An Teams aus Marxwalde, Biesenthal oder Eisenhüttenstadt erinnert sich Wolfgang Schmidt, der nach der Schulzeit eine Betriebsschlosser-Lehre im Erkneraner Teerwerk machte. Für den handballverrückten Grünheider war die Teilnahme auf dem Großfeld eine Selbstverständlichkeit. "Ob drinnen oder draußen - das war beides ein schönes Spiel." Die Sommerpause nach dem Aus für den Großfeld-Handball empfand er später als "verlorene Zeit".
Mitte der 1960er Jahre war Wolfgang Schmidt, der übrigens noch drei Geschwister hat, längere Zeit mit seinem Vater, einem Schleppschiffer, auf den Flüssen und Kanälen der Region unterwegs. Sein Motorrad nahm er mit und machte sich von den unterschiedlichen Anlegepunkten zum Training oder zu Wettkämpfen nach Grünheide auf. "Da ging es schon mal von Hohensaaten nach Grünheide - und dann von dort weiter zum Auswärtsspiel", sagt er. Eine Ehrensache für ihn. Seine weiteste Fahrt führte ihn von Eisenhüttenstadt bis nach Halle - in diesem Fall im Übrigen für ein Freundschaftsturnier.
Seinem Grünheider Handballverein blieb Wolfgang Schmidt immer treu, abgesehen von einem zweijährigen Abstecher nach Peenemünde während der Armeezeit. Als seine Vorgesetzten erfuhren, dass er Handballer war, habe ihm das durchaus Vorteile gebracht. "Die anderen marschierten, ich habe Handball gespielt", erinnert sich der heute 69-Jährige gern.
Als er nach der Armeezeit in die Region zurückkehrte, arbeitete er beim VEB Wasserstraßenbau und erhielt mit seiner bereits verstorbenen Frau Ursula in Fürstenwalde eine Wohnung. Dort wurden auch die beiden Söhne groß. Bis heute ist Wolfgang Schmidt Fürstenwalder.
In Grünheide blieb er aber Handballer, arbeitete im Vorstand mit, war zeitweilig Trainer. "Hier waren meine Freunde und Kumpels", sagt Wolfgang Schmidt. Und er begann Ende der 60er Jahre, als Schiedsrichter Spiele zu leiten. "Wir hatten niemanden im Verein, der das gemacht hat", sagt Schmidt. Vorher sei er selbst ein echter Heißsporn gewesen. "Ich glaube, ich bin jedes Spiel wegen Meckerns mit Zeitstrafen vom Platz gegangen." Als er selbst die Pfeife benutzte, wurde er merklich ruhiger. "Wenn Du selbst Schiri bist, merkst Du, dass Dir auch Fehler unterlaufen." Gemeinsam mit seinem langjährigen Schiedsrichterpartner Peter Teichert aus Eisenhüttenstadt stieg er bis in die DDR-Liga auf. Über Jahre hatte dann das Pfeifen Vorrang.
Für seine Familie blieb dabei oft recht wenig Zeit. Unter der Woche auf Montage beim Wasserstraßenbau habe manchmal bei der Rückkehr am Freitag das Telegramm mit den Ansetzungen fürs Wochenende schon auf dem Tisch gelegen. Bis 2008 leitete er - zuletzt mit Falk Witt - Spiele in Brandenburger Hallen. Auch das aktive Spielen in Grünheide konnte er über die gesamte Zeit nicht lassen. Bei den "Alten Herren" wirbelte er stets auf der Außenposition herum.
Erst vor zwölf Jahren folgte der Wechsel ins Tor. Sicher auch aus Altersgründen, vor allem aber weil die etatmäßigen Keeper Wilfried Scheerer und Jörg Kaulfuß aufhörten - und schlicht niemand da war. "Nach 50 Jahren weißt Du ja auch ungefähr, wie die Gegner werfen", sagt Wolfgang Schmidt. Selbst aktiv ist er auch am Sonntag (11.30 Uhr) wieder mit den GSV-Senioren in der Petershagener Giebelseehalle gegen Falkenberg.
Und die Grünheider Senioren sind durchaus erfolgreich. Seit Jahren haben sie ein Dauer-Abo auf den Kreismeistertitel. Im vergangenen Jahr wurde Wolfgang Schmidt mit dem Team Ostdeutscher Meister, der erste Titel für ihn außerhalb des eigenen Bezirks bzw. Bundeslandes. "Für mich einer der größten Erfolge", sagt der Ruheständler, der heute mit seiner Lebenspartnerin Christa Ritter immer noch in Fürstenwalde wohnt.
Der Garten, das montägliche Bowling mit der Volkssolidarität - Hobbys hat Wolfgang Schmidt einige. Seine Liebe gilt aber weiter dem Handball. "Nächste Saison bin ich 60 Jahre dabei, das will erreichen." Wolfgang Schmidt - am 13. Februar wird er 70 Jahre- ist einer der dienstältesten Ballsportler Deutschlands und einer der handballverrücktesten.