Seit Jahren brütet dort ein Storchenpärchen auf dem Gelände des Reitvereins. Zwei Junge zogen die Alten diesmal groß. Doch eines kann nicht fliegen, sein Flügel hängt schlaff hinunter. "Dass mit ihm etwas nicht stimmt, habe ich schon vor einer ganzen Weile gemerkt", sagt Dietmar Sendermann, der Vorsitzende des Vereins. "Wir wollten aber mit der Rettungsaktion warten, bis das zweite Junge fliegen kann, nicht dass es runterfällt", erklärt er.
Vom Dach gefallen
Freitagnachmittag ist der Zeitpunkt gekommen. Holger Westenberger, der bei der Firma Helmut Schmidt GmbH in Fürstenwalde sein Geld verdient, rückt mit der Hebebühne seines Arbeitgebers an. Unter einem Pflaumenbaum, unweit des Horsts, parkt er das Fahrzeug. Der Korb schwebt in die Höhe, die Storchengeschwister trippeln nervös an den äußersten Rand ihres Horstes. Es folgt Ernüchterung: Der Ausleger mit dem Korb reicht nicht ganz bis an den Horst.
Westenberger parkt um. Der Platz ist begrenzt, Gebäude und Gehölze stehen um das Nest herum. Endlich schwebt der Korb direkt über dem Horst. "Ich will von oben ein Laken auf den Storch werfen", erklärt der Fachmann. Doch Adebar hat Angst, springt aus dem Nest und landet auf einem Dach. Westenberger steigt hinterher, das Laken ausgebreitet in den Händen. Zentimeter trennen die beiden. Doch die Angst des Tieres ist zu groß, lieber springt es in die Tiefe, wo es benommen liegenbleibt.
Holger Westenberger legt es behutsam in eine Kiste. Am heutigen Sonnabend will er den Storch zunächst einem Tierarzt in Magdeburg vorstellen. "Der hängende Flügel kann angeboren oder die Folge eines Bruderkampfes sein", sagt Westenberger. Später chauffiert er den Patienten in den nahen Storchenhof Loburg, ebenfalls in Sachsen-Anhalt. Dort werde das Tier dann aufgepäppelt. Der NABU Fürstenwalde übernehme die Patenschaft für diesen Storch, damit die Pflegekosten gedeckt seien, teilt Sven Rothmaier am Freitagabend mit.
Ohne Hilfe wäre das Mitte Mai geschlüpfte Jungtier vermutlich verhungert. "So langsam stellen die Altvögel das Füttern ein", sagt Westenberger. Für ihn war es die erste Storchenrettung der Saison. "Aber das kommt jedes Jahr vor", sagt er. Trotz der Trockenheit sei es bislang ein gutes Storchenjahr – zumindest im Altkreis Fürstenwalde. Jedes Brutpaar habe im Schnitt mehr als zwei Nachkommen. Von den insgesamt 20 Paaren in seinem Revier habe lediglich eines keine Jungen bekommen.