Seit der Prüfung mit 20 Jahren steckt der Führerschein in ihrem Portmonee – gebraucht hat Brigitte Bohr ihn nicht. „Erst seit 1994 fahre ich wieder“, sagt die Fürstenwalderin. Inzwischen ist sie 78 Jahre alt und die einzige Fahrerin in der Familie. „Ich finde es wichtig, mich weiterzubilden“, sagt sie. Deshalb sitzt sie am Mittwochvormittag bei der Volkssolidarität in der Frankfurter Straße; an den Tischen neben ihr haben sich knapp 30 weitere Senioren versammelt. Am anderen Ende des engen Raumes bringt Gordon Wühler, Fahrschulinhaber und -lehrer aus Seelow, den Bildschirm mit seiner Präsentation in Position.
Im Rahmen des ADAC-Programms „Sicher mobil“ schult der 38-Jährige ältere Verkehrsteilnehmer auf verschiedenen Gebieten; neue Verkehrsregeln und Erste Hilfe werden bei den in den kommenden Wochen in der Volkssolidarität kostenlos angebotenen Schulungen ebenso behandelt wie Unfallverhalten und Vorfahrtsregeln. 224 solcher Veranstaltungen hat Wühler im vergangenen Jahr im Raum Seelow, in Frankfurt und in Oder-Spree durchgeführt. „Es wird immer mehr“, sagt er.
„Was glauben Sie: Wer hat Vorfahrt“, fragt Wühler in die Runde. Ein Raunen geht durch den Raum, aber keine Antwort. Kollege Manfred Schätzel, der das Programm in Woltersdorf und Umgebung durchführt, springt ein: „Der andere kommt aus einer Straße mit abgesenktem Bordstein, also darf ich zuerst fahren“. Wer über abgesenkten Bordstein fährt, hat niemals Vorfahrt, zitiert Wühler die entsprechende Regel. Er weiß: „Bei den Vorfahrtsregeln herrscht ganz viel Unwissen“. Bei Fahrern ab 55 Jahren gehe die Fehlerhäufigkeit in der Statistik für die Neuen Bundesländer stark nach oben. „Warum? Das sind die, die den Führerschein noch in der DDR gemacht haben.“ Die neuen Vorfahrtsregeln ab 1990 seien an den meisten Autofahrern vorbeigegangen.
Auch Benno Peters hat seinen Führerschein noch zu DDR-Zeiten erworben. „Man merkt schon, dass man mit dem Alter weniger fit ist und schneller müde wird“, sagt der 82-Jährige. Einmal im Jahr legt er gemeinsam mit Heinrich Brodowski mehrere hundert Kilometer quer durch Norddeutschland und Norwegen zurück, um dort zu angeln. Beim Fahren, erzählen die Männer, wechseln sie sich ab. Auch Edmund Politz war in diesem Jahr bei der Tour dabei. „Ab 75 Jahren sollte man alle zwei, ab 80 jedes Jahr einen Fahrtest machen müssen“, findet der 79-Jährige. Freiwillig hat er sich einem solchen noch nicht unterzogen. „Ich sehe keine Veranlassung dazu“, sagt er.
„Keine Angst, wir dürfen Ihnen den Führerschein gar nicht weg nehmen“, räumt Gordon Wühler mit einem Vorurteil auf. Mit Senioren, die ihre Fähigkeiten am Lenkrad von einem Profi beurteilen lassen wollen, führt er Fahrüberprüfungen durch. Anders als von der Führerscheinstelle angeordnete Begutachtungsfahrten hat ihr Ergebnis keine Auswirkungen auf die erteilte Fahrerlaubnis.
Brigitte Bohr überlegt nach der Schulung, an einer solchen freiwilligen Fahrüberprüfung teilzunehmen. In den vergangenen 90 Minuten hat sie gelernt, dass der DDR-Führerschein bis 2033 gültig ist und dass Schutzstreifen für Radfahrern nur überfahren werden dürfen, wenn es zwingend nötig ist. Nun möchte die 78-Jährige herausfinden, wie sie sich in der Praxis schlägt.