Beim Geburtstag ihrer Mutter Edith Wulff fragte ein Cousin, der sich seit vergangenem Jahr intensiv mit der Familiengeschichte beschäftigt, ob sie denn wisse, dass sie mit dem Ännchen von Tharau verwandt sei.
Nein, davon hatte niemand in der Familie eine Ahnung. Aber seitdem interessiert sich die Fürstenwalderin für ihre Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Ur-Großmutter. Und für die Entstehung des Volksliedes. Das soll nämlich der Dichter Simon Dach, der den Lehrstuhl für Poesie an der Universität Königsberg inne hatte, für die damals 17-Jährige anlässlich ihrer Hochzeit mit dem Pfarrer Johannes Portatius verfasst haben, als Gedicht, das aus 17 Versen bestand. „Wer schreibt ein Liebesgedicht für eine Frau, die einen anderen Mann heiratet?“, fragt Peggy Wulff. „Ob er der Liebhaber von Ännchen war? Wir werden es wohl nie rauskriegen“, sagt sie lächelnd. Immerhin hieße es im Text:
„Ännchen von Tharau, ist’s , die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb und im Schmerz.“
Wie viele Nachkommen des Ännchens von Tharau, das 1619 als Anke Neander in Tharau geboren wurde, es heute noch gibt, ist Peggy Wulff nicht bekannt. „Aber es wäre interessant, wenn sich nach Erscheinen des Artikels entfernte Verwandte melden würden.“ Der Cousin habe durch Recherchen im Internet und Einsicht in Kirchenbücher bisher Folgendes herausgefunden: Ankes Mutter ist im Jahre der Geburt ihres Kindes an Pest gestorben, ihren Vater hat dasselbe Schicksal ereilt, als das Mädchen elf Jahre alt war. Ein wohlhabender Patenonkel holte es zu sich nach Königberg und gab ihm ein liebevolles Zuhause. In seinem weltoffenen, gastlichen Hause hat Anke Jahre später den Pastor Johannes Portatius kennen gelernt, den sie mit 17 Jahren heiratete. Anlässlich der Trauung im Dom soll dem Paar das „Ännchenlied“, das Domorganist Heinrich Albert vertont habe, zum ersten Mal vorgetragen worden sein.
Schon zehn Jahre später starb Johannes Portatius, der eine Pfarrstelle in Laukischken im Kreis Labiau (Ostpreußen) hatte. Pfarrerswitwen bekamen damals keine Pension, der für die Stelle nachfolgende Pfarrer musste für die Witwe aufkommen, übernahm sie als Ehefrau. Das erlebte Anke gleich zweimal. Mit ihren drei Männern hatte sie insgesamt elf oder zwölf Kinder geboren. Aber nur drei haben überlebt: Friedrich Portatius (von ihrem ersten Mann), sowie die Brüder Johann Christoph und Johann Albert Beylstein (aus ihrer dritten Ehe). 1689 starb Anke im Hause ihres Sohnes Friedrich in Insterburg. Friedrich war ein Jahr zuvor gestorben.
Friedrich hatte zwei Söhne hinterlassen, Friedrich Leopold und Johann Karl. Über welchen der beiden Söhne Peggy Wulff mit Anke verwandt ist, konnte noch nicht ermittelt werden. Die Kirchenbücher von Itzehoe könnten da weiterhelfen, denn Eveline Fanny Anna Henriette von Portatius, die Uroma Peggys väterlicherseits, wurde nämlich dort geboren, und auch ihre Eheschließung dürfte dort stattgefunden haben.
Nach ihrer Heirat mit dem Freiherrn Achim Franz Ewald Karl Amadeus Frisch lebte sie auf dem Gut Klocksin (Mecklenburg). Später arbeitete sie als Oberschwester im Fürstenwalder Krankenhaus. „Wenn ich als Kind bei meiner Omi übernachtet habe, musste sie mir immer aus der Zeit erzählen, als ihre Großeltern noch das Rittergut hatten“, erinnert sich Peggy Wulff. „Das war immer ein bisschen wie ein Märchen.“
Ob sich ihr Leben geändert hat, seit die Fürstenwalderin weiß, dass sie eine Nachfahrin des „Ännchens“ ist? „Ne, ich war und ich bin immer noch Peggy Wulff. Neu ist bloß, dass das Familienwappen, das wir von unserer Oma übernommen und zum Beispiel als Schlüsselanhänger mit uns rumgetragen haben, jetzt einen etwas anderen Bezugspunkt hat. Das Wappen hat einen Palmenbaum und ist noch älter als meine Ur-ur-ur-ur-ur-oma.“