Wieder einmal versuchten Interessenvertreter, diesmal die Arbeitsgemeinschaft "Selbst aktiv" Oberhavel, an einer der aktuell größten Baustelle im Kreis gegen die Diskriminierung behinderter Menschen mobil zu machen. Die AG gehört zur SPD und hat erst im September 2012 einen eigenen Ableger im Landkreis gegründet. Vorsitzende ist Monika Schubert aus Leegebruch. Ihre Stellvertreter: Hans-Bernhardt Beyertt und Reinhard Porazik. Erste Erfolge haben sie bereist bei Verhandlungen etwa mit der Wohnungsbaugesellschaft in Oranienburg, bei einigen Banken sowie bei Geschäften in der Kreisstadt erreicht.
Als die, die es auf höchster Ebene richten soll, war auch die Bundestagsabgeordnete Angelika Krüger-Leißner zu dem Treffen gekommen. "Der Aktionsplan, den wir um Bundestag beschlossen haben, bewirkt nichts", stellte sie ernüchtert fest. Krüger-Leißner meint damit die UN-Behindertenrechtskonvention, die der Bundestag 2009 ratifiziert hat. Seitdem ist die Gleichstellung Behinderter Menschen eigentlich Gesetz. Nur umgesetzt wird es kaum. Ein Beispiel: Jede öffentliche Einrichtung muss heute barrierefreie Zugänge oder Toiletten bekommen. Sonst gibt es keine Baugenehmigung. Für die Deutsche Bahn aber gilt eine Ausnahme. Nur wenn an einem Bahnhof täglich mindestens 1 000 Fahrgäste ein- und aussteigen, muss sie barrierefreie Zugänge gewähren. "Aber wir können ja keine höheren Zahlen erreichen, wenn die Menschen ohne den Zugang nicht hierher fahren. Die DB AG hält an diesen Zahlen fest, weil sie kein Geld hat", stellt Krüger-Leißner ernüchtert fest. Ihr Parteigenosse und Bürgermeister des Löwenberger Landes, Bernd-Christian Schneck, erklärt: "Zwischen 400 000 und 450 000 Euro würden die Lifte kosten, die für die geplante Überführung in Neulöwenberg nötig wären. Plus 15  000 Euro Wartungskosten im Jahr, vorausgesetzt, es gibt keinen Vandalismus."
"Wir haben 4 500 Bahnhöfe in Deutschland. Die Hälfte davon ist nicht barrierefrei. Ein politisches Ziel muss es sein, dass sich das ändert", so Krüger-Leißner. "Die Behindertenkonvention muss umgesetzt werden. Meiner Meinung nach darf heutzutage auch kein Wohnungsbau mehr gefördert werden, wenn die Barrierefreiheit nicht fester Bestandteil ist. Die Gesellschaft verändert sich, das wissen wir alle."
2,5 Millionen Deutsche sind nach Zahlen der AG "Selbst aktiv" nicht mehr mobil, also auf Rollstuhl oder Rollator angewiesen - und es werden täglich mehr. Einst im Jahr 2000 als Netzwerk der SPD bundesweit gegründet, will sich die Interessengemeinschaft für die Belange von Menschen mit Behinderung einsetzen. "Wir wollen keine Kompetenzen überschreiten", so die Vorsitzende Monika Schubert. Aber: "Unser Motto: Nichts über uns - ohne uns." Die Diskriminierung müsse vor allem aus den Köpfen verschwinden, so ein Hauptanliegen.
Ein bisschen verärgert war Monika Schubert schon, dass viele eingeladene Behindertenbeauftragte der Kommunen dem Treffen ferngeblieben waren. Einzig die Kollegin aus Zehdenick war erschienen und berichtete kurz, womit sie es im Alltag so zu tun bekommt. Reinhard Porazik wollte den Nichterschienenen jedoch kein Desinteresse unterstellen, sondern vermutete vielmehr Resignation, die viele behinderte Menschen und ihre Vertreter angesichts von immer weniger Geld gepackt haben dürfte.
Und wie geht es weiter? "Neulöwenberg hat seine Chance gehabt", so die Bundestagsabgeordnete. Bürgermeister Schneck verwies darauf, dass der Umbau der Überführung immerhin so erfolgt sei, dass Aufzüge nachgerüstet werden könnten. "Fürstenberg ist weiter oben auf der Prioritätenliste", ergänzt Krüger-Leißner. Dort steigen immerhin etwa 800 täglich ein und aus. "Und Fürstenberg hat die gesellschaftliche Notwendigkeit mit der Gedenkstätte." Wenn dort im nächsten Jahr die Planung für die Neugestaltung des Bahnhofsumfeldes beginne, müsste nicht nur sie sich, sondern auch die AG "Selbst aktiv" dort vor Ort einbringen. Der zweite Vorsitzende Porazik fügte hinzu: "Und wenn nichts hilft, müssen wir darauf pochen: Jeder, der Behinderte diskriminiert, macht sich strafbar."