"In diesen Tagen bin ich viel unterwegs, um junge Fischadler zu beringen. Heute Vormittag waren es drei Junge in einem Horst an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt folgt gleich noch ein weiterer Horst im Umland von Templin", erzählte Paul Sömmer. "In jedem Jahr beringen wir im Spätfrühjahr beziehungsweise Frühsommer in der Uckermark und Teilen von Oberhavel und Mecklenburg-Vorpommern zwischen 80 und 100 junge Fischadler – Tendenz kontinuierlich abnehmend", fügte er hinzu. Die Zahl einer weiteren Adlerart, der Seeadler-Brutpaare in der Region, bezifferte er auf "etwa 30 im Durchschnitt der letzten Jahre".
Nur Fisch auf dem Speiseplan
Fischadler ernähren sich ausschließlich von Fisch. 70 Prozent der Nahrung machen Bleie (Brassen) aus. "Ein erwachsener Fischadler kommt pro Tag mit 200 Gramm Fisch aus. Wenn die Jungen gefüttert werden, muss der Vater mehr heranschleppen, denn der Nachwuchs braucht bedeutend mehr Nahrung, um schnell flügge zu werden", erzählte der Fachmann. Ein Gelege besteht zumeist aus drei Eiern. Es können aber auch nur zwei sein, selten sind es vier. Die Brutdauer liegt zwischen 34 und 41 Tagen. Fischadlermännchen werden etwa 1 200 Gramm schwer, die Weibchen bringen es auf etwa 1 600 Gramm. Die Flügelspannweite variiert zwischen 145 und 170 Zentimetern.
Es könne nicht genug wertgeschätzt werden, dass die Naturschützer von einigen Unternehmen in der Region seit vielen Jahrzehnten tatkräftig unterstützt werden, betonte Paul Sömmer. Da in unserer Gegend die Fischadler ihre Horste nur noch ganz selten auf Bäumen, sondern fast ausschließlich auf Strommasten von Hoch- und Mittelspannungsfreileitungen errichten, freut er sich insbesondere über die Hilfe des Energieversorgers Edis. An diesem Tag standen ihm Udo Steinborn und weitere Mitarbeiter des Edis-Meisterbereichs Prenzlau tatkräftig zur Seite. "Wenn die Naturschützer zur Beringung ganz nah an den Mast müssen, gilt es besondere Vorkehrungen zu treffen. Der Mast muss spannungsfrei sein", sagte Udo Steinborn. Deshalb ist im Hintergrund der Vorbereitungen für die Beringung einiges zu tun. "Um die Versorgungssicherheit unserer Stromkunden während der Abschaltung zu gewährleisten, müssen wir in diesem Fall beispielsweise zwischenzeitlich zwei unterschiedliche 110-kV-Netze koppeln und den Strom umleiten", war von Udo Steinborn zu erfahren. Außerdem hatte die Edis mit dem Elektrobetrieb Thomas aus Groß Dölln einen langjährigen Geschäftspartner ins Boot geholt. "Elektro-Thomas stellt für die Beringungsarbeiten einen Hubsteiger zur Verfügung", sagte Steinborn.
Als ihm per Funktelefon die Freigabe des Strommastes angekündigt wird, kann er Paul Sömmer "grünes Licht" für die Beringung der beiden Fischadlerjungen geben. Während der Arbeiten kreist das Fischadlerweibchen über dem Horst und beobachtet das Geschehen mit Adleraugen. In wenigen Minuten ist alles getan, die Männer mit ihren Autos ziehen sich zurück, und Mutter Fischadler kann zurückkehren in den Horst mit ihren beiden Jungen. Die Ringe haben einen Durchmesser von 20 Millimetern. Neben einer Buchstaben-Zahlen-Kombination ist darin auch die Landeskennung "Germany" sowie "Hiddensee" für die zuständige Beringungszentrale eingraviert, damit Ornithologen in aller Welt erkennen können, woher die Vögel stammen.
Eine uralte Art
"Diese Zugvögel gibt es bereits seit 20 Millionen Jahren. Und in dieser Zeit hat sich die Art biologisch kaum verändert", so Sömmer. Der Fischadler ist weltweit verbreitet, ausgenommen die Polargebiete. In unseren Breiten leben sie etwa von März bis September. Ihr Winterquartier haben die Vögel im tropischen Westafrika. "Dorthin fliegen sie übrigens einzeln, und nicht im Schwarm. Bis zu 3 000 Kilometer müssen sie dabei zurücklegen. Ihren Flug nach Süden treten zunächst die Weibchen an – meist schon Ende Juli, wenn die Jungen flügge geworden sind. Im August folgen die Fischadlerjungen. Die Männchen starten im September gen Süden", sagte Sömmer. Anfang März kommen die Männchen zurück, die Weibchen etwas später.

Hochburg derFischadler

Brandenburg ist Fischadler-Hochburg. Zirka 380 besetzte Reviere sind hier erfasst. Paul Sömmer von der Naturschutzstation Woblitz ist für die Beringung der Jungvögel verantwortlich.

Die Tiere sind auf künstliche Plätze wie die Masten angewiesen. Es fehlt an natürlichen Nistmöglichkeiten. ris