Den sonst so fernen Jägern der Lüfte in die Augen zu schauen, war beeindruckend. Einen Geierfalken auf dem Kopf zu tragen und zu spüren noch viel mehr. Und dass die Schnee-Eule "Schneepi" nicht gleich den Finger des jungen Julian abbeißt, wenn er in ihrem Schnabel steckt, schuf Vertrauen. Die Erklärung dafür: Da die Eule nicht schielen kann, sieht sie ihre Beute dicht vor den Augen nicht. Dafür hat sie Bartfedern, mit denen sie fühlt. Der Finger gehörte offensichtlich nicht zu ihrem Beuteprogramm. Allerdings darf er niemals weggezogen werden, betonte Loerke. Das Fleisch bekam sie aus der anderen Hand.
Die Beutebindung führt die Vögel immer wieder zurück zum Falkner. Er ist für sie Papa, Partner und Zuhause. Das beginnt, wenn er den fünf Tage alten Jungvogel übernimmt und selbst aufzieht. "Lass deinen Falken das tun, wozu er Lust hat, und er kommt zu dir zurück", ist die Devise des Falkners. Wie er das Jagdverhalten und die Eigenarten von Wüstenbussard, Geierfalke, Schnee-Eule, Wanderfalke und Adler für seine Arbeit nutzt, führte er in einem kurzweiligen Programm vor.
Treu ergeben folgte ihm das Bussard-Weibchen "Ahab". Im Flug fing es das Fleisch und "mantelte" es, ließ es auf dem Boden nicht wieder los. Um einem Greifvogel die Beute abzuluchsen, muss der Falkner einen Trick anwenden. Loerke legte seine Falknertasche über Beute und Füße des Vogels und bot ihm von oben einen anderen Leckerbissen. Während der Bussard danach schnappt, kann der Falkner das Wildkaninchen schnell in die Tasche schieben und diese schließen.
In Deutschland gebe es mittlerweile 2 500 Falkner, die mit Greifvögeln auf die Jagd gehen, so Loerke. Dazu gehören immer mehr Frauen.
Sie haben den Männern eins voraus: Einfühlungsvermögen. Das und der Respekt vor dem Tier seien für die Falknerei wichtig. Manchmal wollen die Gefiederten einfach nicht - wie Schneepi, die bei der Schau keine Lust hatte zu fliegen. Sie zog es vor, im gemütlichen Spazierschritt zu ihrer Speise zu kommen.
Auch für Adler "Tilla" war es eigentlich zu heiß. Und doch zeigte sie im Segelflug ihre mächtigen Schwingen dicht über den Köpfen der gebannten Gäste. Nicht minder gebannt ist ein Kaninchen, wenn der große Schatten über ihm steht. Das hat allerdings einen anderen Grund. Da Adler keine Farben sehen, reagieren sie auf Bewegung. Sie können eine Maus aus der Entfernung von zwei Kilometern sehen, aber nur, wenn sie sich bewegt.
Besonders pfiffig kam "Sancho", der Geierfalke daher. Wenn er mit ihm arbeite, müsse Loerke immer die Tasche geschlossen halten. Sancho sei so klug, dass er gern ein Stück Fleisch daraus stibitze. Das würde ein Adler nie kapieren.
Noch etwas war an Sancho außergewöhnlich. Wenn sich ihm die Hand seines Herren näherte, neigte er den Kopf. Während die Greifvögel eigentlich nicht zum Kuscheln neigen, liebt es der Geierfalke, ausgiebig und lange gekrault zu werden.
Für die kleine Sarah war die Schau ein tolles Erlebnis. Seit zweieinhalb Jahren ist sie in die Greifvögel verliebt, hat ihre ganze Kinderstube einschließlich Handy-Tasche und Bettwäsche mit Eulen, Bussarden und Falken ausgelegt. Nun will sie einen langen Schnuppertag bei Marco Loerke erleben.