"Wenn so früh viele Leute kommen, ist das immer ein gutes Zeichen. Dann können wir uns sicher sein, dass der Laden voll wird", sagt Carsten Lenz. Dennoch sieht er in der Pünktlichkeit der Nassenheider eine kleine regionale Marotte: "Hier kommen die Zuschauer immer eher früher. In anderen Gegenden warten wir bis zehn Minuten vorher auf einen großen Ansturm."
Seit fünf Jahren spielt das Ehepaar in der Gemeinde Sachsenhausen - das Sommerkonzert ist zur Tradition geworden. Gemeinsam mit seiner Frau Iris und den beiden Kindern Juliane und Stefan unternimmt Claus Lenz jeden Sommer eine Tour von Wiesbaden aus bis zur Ostsee. Dieses Jahr gibt es einen besonderen Anlass: Die Orgel feiert ihren 125. Geburtstag. "Damals wurde sie von der Firma Remler aus Berlin gefertigt", sagt Pfarrer Peter Krause. Das Kircheninstrument hat beide Weltkriege unbeschadet überstanden.
Davon kann die Familie Lenz am Sonnabend profitieren: Ihre Musikinstrumente konnten sie zu Hause lasen. Dafür haben sie schwere Technik dabei, mit der das Orgel-Duo sein Spiel auf eine Leinwand im Kirchenschiff überträgt. Das funktioniert in großen wie kleinen Kirchen gleichermaßen gut: "Wir haben schon in großen französischen Kathedralen gastiert", sagte Carsten Lenz.
Die Karriere des Ehepaares begann mit dem Studium der Kirchenmusik. Dort lernten sich die beiden kennen und lieben. Inzwischen leiten sie Chöre, nehmen CDs auf und gehen auf Konzerttour. Die Reise fällt mit den Ferien der beiden Kinder zusammen. Während der Konzerte lesen Stefan und Juliane ein bisschen oder helfen, Programmhefte auszuteilen. Doch wenn mal kein Orgelspiel ansteht, gehen sie mit ihren Eltern baden und genießen die Sonne. "Die Kinder können sich natürlich viel mehr vergnügen. Aber auch für uns ist es ein bisschen Urlaub", verrät Carsten Lenz.
Kurz vor fünf zeigt das Handydisplay einer Zuschauerin an, als Carsten Lenz Einblicke in einen vielen bisher verborgenen Teil der Nassenheider Orgel gibt - ihren Innenraum. Von großen Pfeifen für dumpfe Töne, bis hin zum hohen Piepsen und Trillern, das ein Murmeln im Saal als "Tinnitus" klassifiziert, können die Schaulustigen die Konstruktion des Kleinodes live betrachten und hören.
Etwas bizarr wirkt die erstaunliche Technik unter dem undichten, bröckelnden Kirchendach. Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Als die ersten Töne erklingen, wird es still im Saal. In Zeiten massenhafter Kirchenaustritte stellt sich durch die Melodien von Bach und Mozart eine seltene Fülle in dem Kirchenraum ein.