Entlang der Bahnstrecke von Berlin nach Neustrelitz ist der Neulöwenberger Turm das letze noch existierende Bauwerk, das an die Zeiten der dampfenden Stahlkolosse erinnert, die einst die Waggons über die Schienen zogen. Der Granseer Turm wurde im September 1989 gesprengt, dem Fürstenberger Pendant erging es vor gut sechs Jahren nicht anders, hat Kresz in Erfahrung gebracht.
Der Wasserturm gehörte zur Ausstattung des Bahnhofs. Er lieferte das Wasser, mit dem die Kessel der Dampflokomotiven gefüllt wurden. Das erklärt auch seine mit 25 Metern eigentlich geringe Höhe im Vergleich zu den in vielen Städten noch vorhandenen Giganten. Über ein Leitungssystem und Schwenkpumpen, die allerdings auch in Neulöwenberg nicht mehr existieren, wurden die Kessel und parallel dazu die Kohle-Tender gefüllt, damit die Kessel geheizt und so der notwendige Dampf zum Antrieb der Kolosse erzeugt werden konnte.
Profitiert haben vom Wasserturm viele Jahre lang auch die Neulöwenberger, da sie ihr Trinkwasser von dort bekamen. Letztmalig saniert wurde das Bauwerk 1986, dann jedoch noch im selben Jahr außer Betrieb gesetzt, weil die Qualität für die Versorgung nicht mehr den erforderlichen Standards entsprach.
Den Wasserturm hat Kresz sozusagen als Zugabe von der Deutschen Bahn Immobiliengesellschaft bekommen, als er 2011 das Gelände des ehemaligen Umformerwerkes erwarb. "Geliebäugelt hatte ich mit dem Turm immer schon, aber dann doch nicht danach gefragt. Als das Angebot kam, habe ich das natürlich nicht ausgeschlagen", so der 31-Jährige.
Dass es eine etwas blauäugige Entscheidung war, gibt Kresz durchaus zu. "Ich hatte keine Ahnung, was ich mir da aufbürde. Aber ich wollte nicht, dass der Turm eventuell abgerissen wird. Denn er gehört einfach hierher nach Neulöwenberg." Ein Gedanke Kreszs war, darin ein Café einzurichten oder den Turm zu Wohnzwecken zu nutzen. Doch das war, bevor er überhaupt das erste Mal das Innenleben des Turms besichtigt hatte. Heute ist ihm klar: "Das wäre nur mit einem immensen finanziellen Aufwand zu stemmen, weil dazu in den baulichen Bestand eingegriffen und die Statik neu berechnet werden müsste. Das kann ich mir nicht leisten", so der Bahn-Fan. Dennoch bereut er nicht, den Turm gekauft und damit gerettet zu haben. "Ich werde ihn als Denkmal bewahren", so seine klare Aussage. Kresz hat auch schon jede Menge Geld in den Erhalt gesteckt, um Sicherungsmaßnahmen vorzunehmen. Die fehlenden oder kaputten Fenster zu ersetzen,war noch die geringste Investition. Einige der in den Jahrzehnten verrußten Scheiben, die kaum noch Licht ins Innere gelassen haben, hat er als Anschauungsobjekte gesichert.
Dann musste auch die seitliche Ummantelung des Kessel erneuert werden. Das Dach war undicht, ist inzwischen geflickt. Derzeit ist Kresz damit beschäftigt, den "Pilz" auf dem Dach, aus dem die vier Meter hohe Wetterfahne in die Höhe ragt, zu erneuern. Das Holz der Eindeckung ist marode und muss ausgetauscht werden.
Eigentlich hat Kresz auch nicht nur einen, sondern sogar zwei Wassertürme gekauft. Denn neben dem 1912 gebauten Turm steht noch ein Gebäude, in dem sich zuvor ein Wasserkessel befand. Doch, da der nur eine Füllmenge von 20 Kubikmetern hatte, musste Ersatz geschaffen werden. 100 Kubikmeter Wasser fasste der Neubau, dessen Kessel in der Höhe Teil für Teil zusammengenietet und schließlich mit einer Betonummantelung verkleidet wurde.
Das alte Gebäude ließ die Reichsbahn jedoch nicht abtragen, sonderen durch einen Treppenaufgang ergänzen, um dort Wohnungen für Bahnbedienstete einzurichten. Auch hier legt der 31-jährige Kresz immer wieder selbst Hand an, um die Wohnungen herzurichten. Sie sollen irgendwann vermietet werden.
Eine Mammutaufgabe, der sich der Eisenbahner mit Leib und Seele jedoch gern stellt, wenn auch für andere Freizeitaktivitäten nicht mehr viel Zeit übrig bleibt. "Bei mir dreht sich halt alles um die Bahn", so Kresz.
Das stimmt tatsächlich, denn Kresz wohnt - wie könnte es anders sein - in einem Eisenbahngebäude. Dabei handelt es sich um das ehemalige "Bedienstetengebäude" der Privatbahn der Löwenberg-Lindower-Kleinbahn AG. Denn gegen Ende des 19. Jahrhunderts besaß Löwenberg nicht nur einen, sondern sogar zwei Bahnhöfe - sie lagen, nur durch eine Straße getrennt, direkt nebeneinander. Der eine, der auch heute noch existiert, war der Bahnhof der Staatsbahn, der andere gehörte der privaten Bahngesellschaft. Wer von Berlin nach Rheinsberg wollte, der musste in Löwenberg also im Staatsbahnhof aussteigen, die Straße überqueren und auf dem Privatbahnhof in den Zug Richtung Rheinsberg umsteigen. Daraus ergab sich das Kuriosum, dass die heutige Neulöwenberger Dorfstraße damals eben nicht nur von zwei Schienensträngen gequert wurde, sondern beide ihre separate Schrankenanlage hatten.
Wer sich die Zeit nimmt, um das Areal rund um den Neulöwenberger Bahnhof zu erkunden, kann zumindest Relikte, beispielsweise alte Inschriften der beiden Bahnhöfe, entdecken. Sogar der ehemalige Lokschuppen existiert noch. Aber die davor ehemals rotierende Drehscheibe, um die Loks einfahren zu können, wurde in den 1970er-Jahren gesprengt.
Die Schienen der Privatbahn sind längst einer Grünfläche gewichen. Vom Park-&-Ride-Platz aus ist jedoch noch zu erahnen, wo sie einst lagen, gleich neben dem inzwischen zugewucherten zweiten Bahnhofsgebäude.