Vor 21 Jahren haben sich Jörg Nottle und seine Frau Shareen kennengelernt. "Am Anfang war es sehr lustig, wenn wir miteinander sprachen. Da ich kaum Deutsch sprach und sein Englisch sehr schlecht war", erzählt die Australierin. Mittlerweile hat sie schon viele Jahre in der Region verbracht und spricht fließend Deutsch. Sie ist intensiv in die Sprache eingetaucht und muss nicht mehr im Kopf übersetzen, um sich im Deutschen auszudrücken. Dennoch gibt es Momente, in denen ihr die Muttersprache noch leichter fällt. "Ich zähle immer noch auf Englisch. Die deutschen Zahlen finde ich schwierig", sagt sie. Ansonsten benutzt sie oft die Sprache, die gerade praktischer ist. Wenn sie in Eile sei und schnell etwas aufschreiben müsse, verwende sie die Sprache, die über das kürzere Wort verfüge, sagt Shareen Nottle. Vor allem Bücher liest sie immer noch gerne in ihrer Muttersprache und auch viele Filme sieht sie sich am liebsten in der englischen Originalfassung an.
Vier Kinder haben Jörg und Shareen Nottle inzwischen und in ihrem Haus in Rüthnick sei eine lebendige Mischung aus Deutsch und Englisch zu finden, erzählen sie. Alle Kinder lernten von Geburt an beide Sprachen. "Jede Sprache ist eine Bereicherung fürs Leben", betont Jörg Nottle. Den Eltern war es daher wichtig, beide Sprachen an ihren Nachwuchs weiterzugeben. So spricht er mit seinen Kindern meistens auf Deutsch und sie auf Englisch. "Wenn ich Englisch spreche, lachen die Kinder meistens", gibt Jörg Nottle zu. Dennoch zieht Shareen Nottle es in einigen Situationen vor, Deutsch zu sprechen. "Wenn ich mit meinen Kindern schimpfe, spreche ich meistens Deutsch, weil es härter klingt", erzählt sie.
Da die Kinder in Deutschland aufwuchsen und über Freunde und Schule einen natürlicheren Bezug zum Deutschen haben, antworteten sie oft in der Landessprache, wenn Shareen mit ihnen sprach. Umso wichtiger war es den Eltern, ihren Zöglingen über Bücher und englische Originalfilme auch die Sprache von Shareen Nottles Heimatland schmackhaft zu machen. Dazu gehörte es auch, hin und wieder eine Reise nach Australien zu unternehmen, um ihnen Land und Leute näher zu bringen. "Es ist wichtig, dass Kinder die Notwendigkeit sehen, die andere Sprache zu lernen", sagt Jörg Nottle.
Geachtet haben die Eltern auch darauf, dass die beiden Muttersprachen nicht vermischt werden. Durch eine klare Trennung sollte vermieden werden, dass es im Gespräch mit Menschen, die nur eine der beiden Sprachen beherrschen, zu Missverständnissen kommt. "Wir wollten kein Kauderwelsch und haben unsere Kinder daher immer korrigiert, wenn in einem deutschen Satz ein englisches Wort auftauchte", betont er.
Prof. Ingrid Gogolin sieht eine strikte Trennung nicht unbedingt als notwendig an. "Das Zugreifen auf beide Sprachen ist die besondere Kompetenz zweisprachiger Kinder. Es ist wunderbar, wenn Jugendliche sich Wörter aus verschiedenen Sprachen wie einen Ball zuwerfen", sagt die Wissenschaftlerin vom Institut für interkulturelle Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg. Nur sollten sie lernen, in welchen Situationen es darauf ankomme, klar zu unterscheiden, um vom Gesprächspartner verstanden zu werden, fügt sie hinzu. Kinder würden es im Normalfall aber schnell lernen, beide Sprachen auseinander zu halten. Früher als andere Kinder könnten sie ihre Unterscheidungsfähigkeit erwerben - bezeichnet als "kognitive Kontrolle" - sodass sie früher lernen, verschiedene Sprachmuster zu unterscheiden.
Ingrid Gogolin sieht es ebenfalls als bereichernd an, wenn Kinder zweisprachig aufwachsen. "Diese Kinder haben Vorteile in der geistigen und sprachlichen Entwicklung", erklärt sie. Gerüchte, dass es durch die Bilingualität zu Verzögerungen im Spracherwerb kommt, kann sie nicht bestätigen. "Die Sprachentwicklung ist in solchen Fällen einfach anders", sagt Ingrid Gogolin. Entscheidend sei, dass in Schule und anderen Einrichtungen die spezifischen Entwicklungsschritte zweisprachiger Kinder berücksichtigt werden, damit die Kinder von der Bilingualität profitieren könnten. Da die Entwicklung von einsprachig aufwachsenden Kindern abweicht, werde dies oft als Entwicklungsverzögerung interpretiert, betont sie. "Durch die verschiedenen Sprachen haben die Grundschüler andere Hörgewohnheiten, sodass sie anders an das Schreiben lernen rangehen als diejenigen, die ausschließlich die Landessprache beherrschen". Wichtig sei es, in der Sprachentwicklung bilingualer Kinder keinen Druck auszuüben, sondern das individuelle Verhalten zu akzeptieren und auch mit Geduld zu reagieren, wenn ein Kind sich eine Zeit lang weigere, eine der beiden Sprachen zu sprechen. "Das ist völlig normal und kann auch bei einsprachigen Kindern vorkommen", erklärt Ingrid Gogolin.
Auch bei Familie Nottle haben beide Elternteile immer darauf geachtet, nichts zu erzwingen und auf keinen Fall auf Konfrontation zu gehen, wenn die Kinder beispielsweise auf Deutsch antworteten, wenn sie auf Englisch gefragt wurden. "Wir haben immer geschaut, dass der Austausch da ist, um keinen unnötigen Druck auszuüben", erklärt Jörg Nottle. Das Interesse an beiden Sprachen und Interkulturalität haben sich die Kinder bis ins Erwachsenenalter bewahrt.
Den 21-jährigen Joshua hat es in die Heimat seiner Mutter nach Australien verschlagen, wo er nun noch tiefer in die englische Sprache eintaucht. Die 24-jährige Sarah lebt in Wien und beherrscht als dritte Sprache mittlerweile auch sehr gut Französisch, da sie ein Jahr lang in Frankreich verbracht hat. Über ihre Arbeit im Tourismusbereich hat sie zudem viel mit anderen Kulturen und Sprachen zu tun.
"Wer mit zwei Sprachen aufwächst, hat einen Startvorteil beim Erlernen neuer Sprachen", erklärt Ingrid Gogolin. Die abstrakten Fähigkeiten, die der Spracherwerb erfordert, um Metaphern und Bildsprache zu verstehen, seien bei diesen Kindern früher ausgeprägt. Dadurch falle es ihnen leichter, andere Sprachen zu erlernen und sie hätten eine geschultere Wahrnehmung.
Shareen Nottle sieht neben dem Spracherwerb noch einen weiteren Vorteil in der Bilingualität. In punkto Toleranz hat sie festgestellt, dass ihre Kinder niemals ablehnend reagierten, wenn Menschen mit Migrationshintergrund im Supermarkt in anderen Sprachen miteinander redeten. Sie zeigten sich vielmehr interessiert. "Wenn man mit zwei Sprachen groß wird, ist man offener gegenüber anderen Sprachen", ist sie überzeugt.
Daniel, wie geht es dir? Wie war es heute in der Schule?
Hi Dad. I had a very nice day and met all my friends.