Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat am vergangenen Wochenende in Brandenburg an der Havel zehn Bürgerinnen und Bürgern den Verdienstorden des Landes Brandenburg verliehen. Sie wurden „für außerordentliche Verdienste um das Land und seine Bevölkerung“ geehrt.
Der Orden wird seit 2005 anlässlich des Brandenburger Verfassungstages verliehen – eigentlich am 14. Juni. Wegen der Corona-Pandemie musste die Auszeichnung aber verschoben werden.

Mutige Aufarbeitung der Geschichte

Unter den Ausgezeichneten befindet sich Bärbel Schindler-Saefkow, streitbare und mutige Historikerin, die sich lange Zeit und unbeirrbar mit der Aufarbeitung der Geschichte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück beschäftigte.
Vielleicht war es eine Initialzündung ihres wissenschaftlichen Credos, dass sie als 16-Jährige zur Eröffnung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in der DDR im Jahre 1959 ein Gelöbnis sprach.

Engagiert in der Friedensbewegung

Die Berliner Historikerin Dr. Bärbel Schindler-Saefkow hat sich der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Lagergeschichte des KZ Ravensbrück verschrieben, heißt es in der Laudatio. Als langjährige Generalsekretärin des Internationalen Ravensbrück-Komitees und als Mitglied der Lagergemeinschaft und des Freundeskreises Ravensbrück schlage sie Brücken von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft. Sie betreut Zeitzeuginnen und begleitet Studierende und kämpft gegen das Vergessensowie für Frieden und Demokratie. Bärbel Schindler-Saefkow engagiert sich darüber hinaus in der Friedensbewegung und erinnert an den Widerstand von Arbeiterinnen und Arbeitern gegen die Nazi-Diktatur. Die promovierte Historikerin sei seit früher Jugend und bis heute eng mit Ravensbrück verbunden. Auch weil ihre Eltern als überzeugte Gegner des Nazi-Regimes und aktiv im Arbeiter-Widerstand waren. Ihr Vater wurde im Zuchthaus Brandenburg-Görden 1944 ermordet und ihre Mutter ins KZ Ravens-brück gebracht.

Hunderte Male Zeugnis abgelegt

Über die Beweggründe ihres gedenkpolitischen Handelns sagte Schindler-Saefkow: „Ich bin mit den Erzählungen meiner Mutter über Widerstand, meinen Vater und viele Freunde aufgewachsen. Oft besuchten uns Mitstreiterinnen und Überlebende des Konzentrationslagers Ravensbrück. Immer wieder kreisten ihre Gespräche um den Kampf gegen das Naziregime und die verschiedensten Einzelschicksale. Noch während ihrer – zuletzt Jahre andauernden − Krankheit bat mich meine Mutter eines Tages, zu einer Berliner Schule zu gehen, die eigentlich sie eingeladen hatte. Ich war 17 und zögerte. Ich befürchtete, mein Wissen reiche nicht aus, um über die vielen Geheimnisse der illegalen Arbeit etwas zu erzählen. Ich habe es versucht und wurde sehr persönlich. Das wurde angenommen. Hunderte solcher Veranstaltungen habe ich im Verlaufe von etwa 55 Lebensjahren gestaltet. Meine Erzählungen haben sich über viele Jahre verändert, darin fließen meine eigenen politischen Erfahrungen, meine Hoffnungen als Mutter und als Historikerin ein.
Und immer mehr der Wunsch zu erklären, was Antifaschismus war und ist. Wenn ich heute mit jungen Menschen über das opfervolle und zugleich erfüllte Leben und den entbehrungsreichen Kampf meiner Eltern spreche, erhalten viele von ihnen erstmals einen Einblick in eine von den Nazis verfolgte Familie. Ich erreiche die Zuhörenden, deren Familiengeschichte überwiegend eine ganz andere ist, meist emotional und versuche trotzdem, den Bezug zu den Verhältnissen in Nazideutschland und den braunen Gefahren in der Gegenwart herzustellen.“

Das KZ Ravensbrück


– In dem preußischen Dorf Ravensbrück, nahe des ehemals mecklenburgischen Luftkurortes Fürstenberg, ließ die SS ab 1939 das größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet errichten.

– Im Frühjahr 1939 wurden die ersten weiblichen Häftlinge aus dem Konzentrationslager Lichtenburg nach Ravensbrück verlegt. Im April 1941 wurde ein Männerlager angegliedert, das ebenfalls dem Kommandanten des Frauenlagers unterstand. Im Juni 1942 kam in unmittelbarer Nachbarschaft das so genannte "Jugendschutzlager Uckermark" für junge Frauen und Mädchen hinzu.

– In den Jahren 1939 bis 1945 sind etwa 120.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche als Häftlinge registriert worden. Die nach Ravensbrück Deportierten stammten aus über 30 Nationen, unter ihnen Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Roma. Zehntausende wurden ermordet, starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente.

– Im Rahmen der Aktion "14 f 13" wurden etwa 1.900 Häftlinge ermordet, die als behindert beziehungsweise als arbeitsunfähig galten. Mit ihnen wurden auch jüdische Häftlinge in der Gaskammer der „Heil- und Pflegeanstalt Bernburg“ ermordet. Ab 1941 diente Ravensbrück als Hinrichtungsstätte: Zahllose Frauen – die genauen Zahlen sind unbekannt – wurden mit Schusswaffen exekutiert.

– Anfang 1945 richtete die SS im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück in einer Baracke neben dem Krematorium eine provisorische Gaskammer ein. Hier ließ die SS im Zeitraum von Ende Januar bis April 1945 rund 5.000 bis 6.000 Häftlinge vergasen. Unter ihnen befanden sich etwa 100 Häftlinge aus dem Männerlager. (Quelle: Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten)