Kurz zuvor ließen sich Regisseur André Schäfer, sein Filmteam und die Geldgeber auf der Bühne des Lichtspielhauses feiern. Obwohl der Applaus eher spärlich ausfiel. Keine Jubelschreie, keine stehenden Ovationen, aber ein paar Worte der Anerkennung aus dem Publikum bei der anschließenden Diskussion.
"Deutschboden", in Anlehnung an das gleichnamige Buch des Berliner Journalisten Moritz von Uslar, in Zehdenick als abendfüllender Film mit großem finanziellen Aufwand produziert, ist weder Dokumentarfilm noch Spielfilm, sondern irgendetwas Künstlerisches dazwischen, versuchte Regisseur Schäfer seinen Film beim Gespräch mit dem Autor auf der Bühne einzuordnen. Der Streifen orientiert sich zwar am Buch, fand hier und da aber auch noch andere Zehdenicker, die bereitwillig vor der Kamera über ihre Marotten plauderten. Schäfer spürte Leute auf, die von Uslar auch gerne interviewt hätte, wie dieser ein wenig neidisch einräumte.
So zum Beispiel das Raucherzimmer eines Getränkeladens an der Berliner Straße, wo sich vor allem ältere Männer treffen, die keine Arbeit haben und mit einer Flasche Bier in der Hand über die lästern, die der Arbeit wegen jeden Tag nach Berlin pendeln. Oder der junge Mann, der regelmäßig in den Beautysalon geht, um sich die Augenbrauen stylen zu lassen.
"Deutschboden" zeigt die Dreckecken der Stadt. Es habe keine zwei Stunden gedauert, sie vor Ort aufzuspüren, sagte Schäfer. Sein Film zeigt aber auch die schönen Seiten der Stadt, die Zehdenicker Tonstiche, die hübsch herausgeputzte Altstadt und die Gaststätte Schröder, in der Heiko und Hansi Schröder sich um das Wohl der Gäste kümmern. "Deutschland ist ein feiner Kerl", stellte von Uslar beim Besuch der Kneipe fest. Ist der Film also doch eine heimliche Liebeserklärung an das Provinzstädtchen? Schäfer würde das nicht abstreiten. Eher unterschwellig geht es um Themen wie Rechtsradikalismus, Homophobie und halbstarke Männer, die die Reifen ihrer Autos auf dem Asphalt durchdrehen lassen und anderes Sinnloses und Verbotenes tun, um der Tristesse des Alltages zu entfliehen. Trotz ihrer eher rechten Einstellung standen die Eltern Jana und Olaf Seehausen immer zu ihren beiden Jungs, sagen sie im Film. Sie seien heute eine richtige gute Familie.
Sie seien keine Nazis gewesen, sondern eher harmlose Skinheads, die gerne laute Musik hörten, stellte Carl Seehausen sogleich nach dem Premiere fest.
"Mir gefällt der Film, jetzt müssen sich die Zehdenicker darüber ein Urteil bilden", sagte Moritz von Uslar, so wie sich die Havelstädter 2010 eine Meinung gebildet hatten, als das Buch erschien und wochenlang für kontroverse Diskussionen gesorgt hatte. Damals habe es zwei, drei kritische Stimmen gegeben, räumte der Autor ein. Die Mehrheit habe das Buch gut gefunden, das eine Art Bestandsaufnahme einer ostdeutschen Kleinstadt und ihrer Menschen 20 Jahre nach dem Mauerfall ist. Erst Mitte April wird der Film auch in Zehdenick gezeigt.
Während im Buch deutlich mehr Eindrücke von Zehdenick geschildert werden und mehr Havelstädter zu Wort kommen, konzentriert sich der Film stärker auf das Leben der vier Amateurmusiker der Gruppe "5 Teeth Less". Die Hauptdarsteller Carl und Paul Seehausen, Lars Juche und Sebastian Dahlenburg waren nach Köln gekommen, um sich den Fragen des Publikums zu stellen und um nach der Filmpremiere ein kleines Konzert im Kölner "Tsunami Club" zu geben.
Bei der After Show Party in einem schummrigen Keller gab es dann auch endlich Bier, das im Kino aufgrund einer fehlenden Konzession nicht verkauft werden durfte. Ob sie die Erwartung haben, groß rauszukommen, wurden sie im Kino gefragt. "Nein", sagte Carl Seehausen.
(Kino-Seite 12)