Carla Kniestedt lässt einfach nicht locker! Im Landtag sitzt sie für die Grünen und beackert vor allem das weite Feld der Klagen aus der Bevölkerung – sie hatte nach der Wahl vergangenes Jahr den Vorsitz des Petitionsausschusses übernommen.
Am Donnerstag weilte Kniestedt in Fürstenberg – einmal mehr am Bahnhof. Um dessen Barrierefreiheit wird seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten gekämpft. Im Rahmen einer Aktion und unterstützt von Gleichgesinnten ließ die Politikerin, abseits sonst üblicher Wahlkampf-Rhetorik, ein unübersehbares Transparent am Eingang des Bahnhofes anbringen: „Bahnhof Fürstenberg (Havel) barrierefrei“ verkündet dieses Transparent.

Kein freier Zugang für Leute mit Handicap

Nicht ohne kecken Hintergedanken. Mehr als 1000 Fahrgäste tagtäglich werden dieses Plakat nun wahrnehmen und feststellen, „das stimmt ja gar nicht“, so die leise Hoffnung der Akteure – Fürstenberger Behinderte und Nicht-Behinderte.
Denn einen freien Zugang zum in Fürstenberg haltenden Regionalexpress für Leute mit Handicap, Personen mit sperrigem Gepäck, Fahrrädern oder Kinderwagen gibt es selbstverständlich noch immer nicht. Abgesehen von der kompletten Modernisierung des Haltepunktes, die für 2027/28 vorgesehen ist, soll in diesem Herbst nach langen Querelen wenigstens der barrierefrei zugängliche Hausbahnsteig 1 so hergerichtet werden, dass an ihm Züge halten können.

Sehr lange Planungsvorläufe für Arbeiten

Im Oktober sollen die Bauarbeiten beginnen, bei denen vor allem das marode, aber denkmalgeschützte Dach repariert werden soll. Carla Kniestedt informierte sich vor versammelter „Mannschaft“ per Telefon nach dem Stand der Vorbereitungen. Kirstin Kobs, die Leiterin des Bahnhofsmanagements der Bahn Tochter DB Station & Service kündigte nach den Worten von Kniestedt an, man hoffe stark, dass die Bauarbeiten am Hausbahnsteig in Fürstenberg bis zum Fahrplanwechsel – üblicherweise Mitte Dezember – abgeschlossen werden können, so dass Züge an diesem Bahnsteig halten können. Die Betonung liege hierbei eindeutig auf dem Hilfsverb „können“, wie einige der Beteiligten mit sarkastischer Heiterkeit mutmaßten.

Bahn AG sehr schwerfällig

Die Beauftragte der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderung, Janny Armbruster, unterstützte die Aktion quasi aus der Ferne. „Fürstenberg steht selbstverständlich mit dem Problem fehlender Barrierefreiheit nicht allein da“, erklärte sie. Festzustellen sei, dass die Bahn AG als großer Konzern in diesem Bereich sehr schwerfällig agiert. Man nehme nur den Bahnhof in Potsdam. Wenn dort einmal der Aufzug zu den Bahnsteigen ausfällt, dann könne es durchaus vier bis fünf Wochen dauern, bis der repariert ist. „Und das ist aber auch für die Bahn AG ein echtes Thema, denn dadurch fallen dem Unternehmen jeden Tag viele Kunden weg. Kunden aber, die zählen tatsächlich für die Bahn AG sehr, schon allein betriebswirtschaftlich“, betont Janny Armbruster.

Täglich mehr als 1000 Fahrgäste

Es sei zu begrüßen, dass für den Haltepunkt in der Wasserstadt zumindest in einigen Jahren ein Umbau samt Barrierefreiheit geplant ist. Da mache sich bemerkbar, dass den Bahnhof täglich mehr als 1000 Fahrgäste passieren. Armbruster begrüßte, dass das Thema gleichwohl auch aktuell stets „virulent gehalten wird“, denn nur so könne man in der Gemengelage allgemeiner Interessen tatsächlich etwas für Menschen mit Behinderung erreichen. Zumal unabhängig von diesem Thema zu beklagen sei, dass es doch teils sehr lange Planungsvorläufe bei größeren Bauvorhaben gibt. Die Bahn mache da keine Ausnahme. „Wobei hierbei auch die Verkehrsverbünde eine wichtige Rolle spielen, die in diesem Falle bei der Deutschen Bahn AG den Zugverkehr für die Bürger bestellen“, erläuterte Janny Armbruster.

Von der Bahn AG „bitter enttäuscht“

Die Aktion mit dem Transparent am Donnerstag vor dem Bahnhof der Wasserstadt ließ sich selbstverständlich die Sprecherin der Bürgerinitiative für einen barrierefreien Bahnhof, Elfriede Seidel, ebenfalls nicht entgehen. Sie brachte offene Briefe an Verantwortliche der Deutschen Bahn AG mit. Einen sendete sie an oben genannte Kirstin Kobs, der andere war an Joachim Trettin gerichtet, bei der Bahn AG der Konzernbevollmächtigte Region Ost (Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern).
In ihrem Schreiben erinnerte Seidel an die jüngste ehrenamtliche Aktion, den Hausbahnsteig so herzurichten, dass Züge an ihm halten können, auch ohne zu diesem Zweck das Dach erst reparieren zu müssen. „Über 40 Helfer haben für die DB geschuftet“, betont Seidel in ihrem Schreiben. Fazit: „Auf diese Weise ist eine Strecke von 135 Metern Länge so hergerichtet worden, dass die Züge in beiden Richtungen halten können, ohne unter dem maroden Bahnhofsdach zu stehen.“ Für die Reisenden sei damit „ein barrierefreier Zugang geschaffen worden“. Im Gegenzug hatte die Bahn AG laut Seidel zugesichert, weiße Abstandslinien zu ziehen, ebenso zwei Beleuchtungsanlagen zu installieren.

Gutschein für ein Taxi

Elfriede Seidel betont: „Wieder einmal sei man „bitter enttäuscht“ worden, „denn es ist bisher nichts, aber auch gar nichts geschehen. Alle Versprechungen wurden nicht eingehalten“, erklärt die BI-Sprecherin.
Gegenvorschlag der BI ist ein Antrag, gerichtet an den Konzernbevollmächtigten: „Alle mobilitätseingeschränkten Personen sowie Elternteile mit Kleinkindern, die den Bahnhof Fürstenberg nutzen, sollten von der Bahn AG einen Gutschein erhalten. Und zwar für eine Taxifahrt zum nächsten barrierefreien Bahnhof, der von allen Zugpaaren angefahren wird.“ Das wären Gransee oder Neustrelitz.
Ob die Bahn AG darauf eingeht, sei dahin gestellt, meinten auch alle Beteiligten am Donnerstag, wohl aber werde man mit Argusaugen aufpassen, ob die Bauarbeiten am Hausbahnsteig pünktlich beginnen und wie geplant im Dezember abgeschlossen werden können.