Warum die Bundeskanzlerin eine seiner "Lieblingsfeindinnen" geworden ist, wurde im Verlauf des Abends klar. Wendt war am Montag auf Einladung der FDP Ostprignitz-Ruppin in den Granseer Ortsteil gekommen, um aus seinen beiden Büchern "Deutschland in Gefahr" (2016) und "Deutschland wird abgehängt" (2019) zu lesen und über seine Sicht der Lage zu berichten.
Integration als Lebenslüge
An diesem Abend wurde wieder einmal deutlich, wie wenig die alten Schubladen von "links" und "rechts" heute noch in der politischen Debatte taugen. Sie scheinen längst durch "Empörte/Empörer" vulgo "Wutbürger" auf der einen und "Faktenhubler" vulgo "Aufklärer" ersetzt. Zwischen diesen Polen bewegte sich der Referent. "Wir müssen gar nix", entgegnet Wendt Politikern, die vom Volk/vom Bürger/vom Wähler erwarteten, dass er sich in Fragen der Migration geduldig, weltoffen und tolerant verhalte. Dem hält er entgegen: "Ich bin weltoffen, tolerant und geduldig, aber ich bestimme es selbst". "Als größte Lebenslüge" bezeichnete er, wie die Deutschen mit der "Integration" umgehen. Sie sei nicht Aufgabe der Deutschen, sondern derjenigen, die ins Land kämen. Als "Unding" bezeichnete er, dass ein Mann im Rathaus Neukölln sich geweigert habe, die Einbürgerungsurkunde – die ihn zum Deutschen macht – aus der Hand einer Frau, hier der damaligen Bürgermeisterin Franziska Giffey, entgegenzunehmen.
Wendt, ein Duisburger Jung‘, trauert ein wenig der alten Bundesrepublik nach, in der es die scharfen Debatten zur Bundeswehr, zu den Ostverträgen gab, den hitzigen Diskussionen zwischen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und CDU-Oppositionsführer Rainer Barzel – eine Zeit der freien Auseinandersetzung. Und – so möchte man hinzufügen "hinterher geh’n wir einen trinken".
Lebendige Demokratie
Er begeistert sich für das, was derzeit in Großbritannien passiert: "Das ist lebendige Demokratie, so wie ich sie mir vorstelle. Großartig!" "Fassungslos" habe ihn dagegen die Analyse der Landtagswahlen von Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) gemacht. Kein Wort von ihr zur Entfremdung, zur Angst vor Zuwanderung, Angst vor Altersarmut, Angst vor steigenden Mieten. Stattdessen gebe es ein "Affentheater" um Ölöfen und Plastik. Die falsche Themensetzung hätte, da ist sich Wendt sicher, viele Wähler zur AfD geführt.
Den Rücktritt des Brandenburger CDU-Vorsitzenden Ingo Senftleben kommentierte er: "Endlich hat er mal was Richtiges getan!" Warum er immer noch in der CDU sei, wollte Moderator Numrich wissen. Er habe ja immerhin auch ein Parteibuch der CSU, kontert der trocken. "Wir leben in einem tollen Land", fasste Rainer  Wendt seine Bücher zusammen. "Demokratie ist anstrengend, muss weh tun. Wir müssen deshalb nicht verzweifeln; wir brauchen Menschen mit wachem Verstand, die sich selbst motivieren, um es besser zu machen!"
Die folgende Diskussion verlief dann eher schleppend, bezog sich häufig auf das, was Rainer Wendt zuvor schon erläutert hatte.

Zur Person


Rainer Wendt (geboren am 29. November 1956 in Duisburg) ist Gewerkschaftsfunktionär. Seit  2007 ist er Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Bereits 1997 wurde Wendt DPolG-Landesvorsitzender NRW.

Nach einer Ausbildung zum Polizisten und einigen Dienstjahren holte er sein Abitur nach und begann ein Lehramtsstudium, brach aber ab. Später machte er einen Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt, ging dann wieder zurück in den Polizeidienst.

Insgesamt war er rund 25 Jahre im Schichtdienst bei der Schutzpolizei in Duisburg tätig, zuletzt als Dienstgruppenleiter.

Im März 2017 berichtete Report München über Wendts jahrelange Weiterbesoldung als Polizeihauptkommissar ohne Ausübung dieser Tätigkeit. Das verneinte Rainer Wendt zuerst noch explizit, gab dann aber zu, "nicht die ganze Wahrheit" gesagt zu haben; Kurz nach den Interviews beantragte Wendt seine vorzeitige Pensionierung aus dem Polizeidienst. red