15 000 Menschen lebten hier. Vogelsang war eine der größten Sowjet-Garnisonen außerhalb der Sowjetunion, 550 Gebäude auf 2 000 Hektar Land – Eine Stadt im Wald, in der fast 40 Jahre lang Soldaten der "Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland" lebten, bis sie 1994 abzogen. Das ist nun exakt ein Viertel Jahrhundert her, und damit vielleicht auch das "Aus" für die jährlichen Führungen, die Mario Hoffmann seit gut 15 Jahren organisiert. Denn die Flächen der ehemaligen Garnison sollen als Ausgleich für den Ausbau der A 10 bei Pankow aufgerechnet werden.
Parallelstadt errichtet
Am Sonnabend führte der unermüdliche Forscher, Erklärer und Aufklärer Mario Hoffmann eine erstaunlich große Gruppe zu den beiden mittlerweile geschlossenen Bunkern. Kurz nach Kriegsende beschlagnahmte die Rote Armee ein großes Waldstück bei Vogelsang, fällte die Bäume und errichtete eine Parallelstadt, in der es den Streitkräften an nichts fehlen sollte. Schulen, Krankhaus, Bäckerei, Mannschaftsunterkünfte, Offizierscasino, Kino- und Theatersaal. Vieles, was damals errichtet wurde, ist mittlerweile verschwunden, zusammengefallen, die Natur erobert sich alles zurück. Bezahlt wurde damals alles von der DDR. Das Gelände, so erklärte Experte Hoffmann, sei dreifach gesichert gewesen, mit Stacheldraht, einem Hundegang und einer Mauer. 1953 zeigten Luftaufnahmen der amerikanischen CIA erste Baubewegungen in Vogelsang, da wurden die Plätze für die Atomraketen erbaut. Der Berliner Mario Hoffmann, dessen Oma in Vogelsang lebte und die er als Kind oft besuchte, wurde durch die Starts und Landungen der großen Passagierflugzeuge auf dem nahegelegenen Flughafen Groß Dölln aufmerksam.
Nach dem Abzug der Russen machte er sich daran, den Verfall zu dokumentieren und Reliquien zu sichern. Er bedauert fast, dass es das Internet für seine Forschungen so spät gab. "Ich musste per Telefon die Beamten in Washington steuern, damit sie wussten, was ich suche". Jetzt habe die CIA alles ins Internet gestellt, "da hätte ich mir manche Mühe sparen können". Wenig zuversichtlich ist er, was die andere Seite angeht. Hoffmann rechnet nicht damit, dass die russischen Behörden zu seinen Lebzeiten ihr Material zu "Vogelsang" veröffentlichen werden. Bis vor einigen Jahren war es noch möglich, einmal im Jahr nicht nur die Gebäude von außen zu besichtigen, sondern auch einen Blick ins Innere zu werfen. Das geschehe, so Hoffmann, auf eigene Gefahr, denn in den Bauten wurde ein Pilz entdeckt, der das menschliche Herz schwer schädige. So bleiben die Erzählungen, die Berichte der Zeitzeugen, die Fotos und vielleicht einmal die Ergebnisse aus russischen Archiven, was sich im Wald bei Vogelsang zwischen 1953 und 1994 wirklich zutrug.

Abzug eine logistische Herausforderung

Der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland war eine enorme logistische Herausforderung. Die Aktion dauerte insgesamt vier Jahre.

546 200 Soldaten und Offiziere sowie ihre Angehörigen mussten in die russische Föderation zurückkehren. Dazu kamen mehr als 120 000 schwere Waffen und sonstiges militärisches Geräte, insgesamt eine Last von 2,7 Millionen Tonnen. Die Bundesregierung ließ sich den Abzug Milliarden Euro kosten. wg