Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Film - eine szenische Lesung wurde gezeigt. Anna Mamzer von der Universität Bremen erläuterte deren Entstehen. Studenten hatten im Rahmen des Projektes "Aus den Akten auf die Bühne" 2011 in Archiven zum Thema Entnazifizierung recherchiert und waren dabei auch auf das umfangreiche Material des Verfahrens gegen Margerete Ries gestoßen. Schauspieler der Bremer Shakespeare-Company brachten das Ganze dann auf die Bühne.
Ries war 1939 als sogenannte Asoziale in das KZ Ravensbrück bei Fürstenberg gebracht worden. Sie hatte sich eine neue Anstellung gesucht, aber ohne das Arbeitsamt darüber zu informieren. In Ravensbrück bringt sie immerhin drei Jahre zu, bevor sie ins Lager Auschwitz verlegt wird. Dort bleibt sie Gefangene, wird aber als sogenannter Kapo eingesetzt. Als Funktionshäftling ist sie zuständig für die Aufsicht und auch die Disziplinierung ihrer Mitgefangenen. Kapos erhielten im Gegenzug gewisse Vergünstigen, etwa bei der Nahrungszuteilung.
Nach Befreiung und Kriegsende wird sie 1948 in Bremen zufällig von einer früheren Mitgefangenen erkannt, die ihr vorwirft, ihre Schwester totgeschlagen zu haben, und ihre Verhaftung veranlasst. Doch das Verfahren zieht sich hin. Und so muss Ries, die unter den Nationalsozialisten Jahre in einem Lager zugebracht hat, erneut in Haft. Nachdem sie anfangs abstreitet, überhaupt jemals in einem Konzentrationslager gewesen zu sein, gibt sie später sogar Misshandlungen zu. Doch sei sie von den SS-Aufseher dazu gezwungen worden. Von einem Todesfall durch ihr Einwirken sei ihr nichts bekannt. Und überhaupt könne sich das Gericht überhaupt vorstellen, welche Konsequenzen eine Verweigerung gegenüber der SS-Mannschaft gehabt hätte?
Nach dem Prozess ist Ries eine freie Frau, nicht aber weil sie sich nichts hat zuschulden kommen lassen, sondern weil die Kammer befindet, Ries sei keine Betroffene im Sinne des "Gesetzes zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus", da kein eigener Tatvorsatz erkennbar sei.
Die Schauspieler, die die gezeigte Lesung gestalteten, brachten eine emotionale Komponente mit ins Spiel, die die Akten so nicht hergeben. Doch um das moralisches Dilemma nachzuvollziehen, sich mit Opfer- und Tätersituation auseinanderzusetzen und über die Diskriminierung der Protagonistin zu sprechen, wurden anschließend noch gedrucktes Material ausgeteilt, mit dem die Schüler arbeiten sollten. Mehr als drei Stunden nahmen sich die Schüler dafür Zeit.