Dollgow ist um eine Attraktion reicher. Einen Steinwurf von der Kirche entfernt steht jetzt eine Holzskulptur, die an das Werk des Schriftsteller-Ehepaares Erwin und Eva Strittmatter erinnert. Gestern wurde sie enthüllt.
Punkt 15.23 Uhr lüfteten Andreas und Karsten Schmidt das Geheimnis. Die beiden Kettensägenkünstler entfernten die weißen Plastikplanen, zum Vorschein kam der künstlerisch gestaltete Rest einer mehrere hundert Jahre alten Eiche. Einen Applaus und wenige Augenblicke später ging das Publikum auf eine erste Entdeckungsreise. Staunend bewegten sich viele der geschätzt 100 Gäste einmal um den „Baum der Bücher“, so der Name des Kunstwerkes, herum. Den meisten gefiel, was sie sahen, vor allem die kleinen Details lösten Erstaunen aus – „Ach, da oben steckt ja die Katze!“
Blickfang des hölzernen Denkmals ist Romanfigur Ole Bienkopp. Die Mundwinkel zu einem geheimnisvollen Lächeln verzogen schaut er stolz in Richtung Straße. Das lebendige Vorbild Ole Bienkopps lebte einst in Dollgow. Dessen Sohn, Horst Walter, war gestern ebenfalls gekommen – und ganz angetan vom Abbild seines Vaters: „Ein echter Haudegen, das sieht man ihm an. Meinem Vater hätte das gefallen“. Rechts neben Ole Bienkopp ruht Pony Pedro, das eigentümliche Pferd aus dem gleichnamigen Kinderbuch Erwin Strittmatters. Bienkopp und Pedro stehen unter einem Wildbirnenbaum, darin ein aufgeschlagenes Buch.
Auf der Rückseite der Skulptur haben Schmidt und Schmidt mit ihrer Motorsäge 80 Rosen in das Holz eingearbeitet; eine Verbeugung vor „Die eine Rose überwältigt alles“, ein in Ost wie in West viel gelesener und gerühmter Gedichtband Eva Strittmatters. „Dieser Band bedeutet einer ganzen Generation von Frauen sehr viel“, erzählte gestern eine Schulzenhoferin, die die Autorin gut kannte.
Zwischen den Rosen versteckt sich ein „Kater, der ein Mensch sein sollte“, erinnernd an ein Kinderbuch EvaStrittmatters.
Wie aus dem einstmals stattlichen Baum ein Kunstwerk wurde, darüber sprachen gestern unter anderem Amtsdirektor Frank Stege, Wolfgang Kielblock, Bürgermeister der Gemeinde Stechlin, sowie Uwe Ziethmann, Schulleiter am Strittmatter-Gymnasium.
Am 16. August 2007 schlug in der Eiche in Dollgows Ortsmitte der Blitz ein. Das Unwetter habe den Ort damals regelrecht erschüttert, so Kielblock. Die Tage der Eiche schienen gezählt. Als Eva Strittmatter davon erfuhr, sei sie, die Naturliebhaberin, sehr traurig gewesen, so Kielblock. Der Baum musste beschnitten und gestutzt werden, denn er barg Unfallrisiken. Übrig blieb ein drei Meter hoher, unansehnlicher Stumpf.
Im Januar 2011 – kurz nach dem Tode Eva Strittmatters – entschieden Stechlins Gemeindevertreter dann, den klobigen Rest nicht einfach dem Erdboden gleichzumachen, sondern künstlerisch gestalten zu lassen. Die Vorgabe: Die Skulptur sollte an das schriftstellerische Werk der Strittmatters erinnern. Denn beide verbrachten viele Jahre ihres Lebens in dem kleinen Dorf Schulzenhof, einem Ortsteil Dollgows.
Die beiden Kettensägenkünstler Andreas und Karsten Schmidt überzeugten die Lokalpolitiker mit ihren Entwürfen, Anfang Januar legten sie, mit der Motorsäge röhrend, los. Bei teilweise minus zehn, 15 Grad Celsius sägten sie ihre Vorstellungen von Strittmatters filigran ins Holz. „Das war – ganz unpoetisch gesprochen – eine Sauarbeit“, witzelte Andreas Schmidt gestern. Ganz fertig geworden sind er und sein Bruder übrigens noch nicht, für den Feinschliff sei aufgrund der sibirischen Witterung keine Zeit mehr gewesen. Und gestern, am 82. Geburtstag Eva Strittmatters, sollte die Skulptur ja schon enthüllt werden.
Ziethmann erinnerte in seiner Laudatio an eines der letzten Werke des 1994 verstorbenen Erwin Strittmatters, „Vor der Verwandlung“. Eine Wandlung als das Grundprinzip allen Lebens habe nun auch die alte Eiche vollzogen. Aus einer Gefahrenquelle für Fußgänger sei ein Kunstwerk geworden. Ziethmann: „Und die Natur stand dafür Pate.“