Die Reflexe funktionieren, der Untertitel des für Laien ungewöhnlichen Projektes macht neugierig. Landrat Ludger Weskamp (SPD) brachte es auf den Punkt am Freitag im Stechlinsee-Center Neuglobsow: „Tatort Straßenbeleuchtung“, das klinge eigentlich wie ein Krimi. So dass sich dem einen oder anderen, der das liest, die Beschreibung des Projektes als „Artenschutz durch umweltverträgliche Beleuchtung“ gut erschließt.
Eben dieses Vorhaben habe er nun die Ehre, auszuzeichnen, merkte Ludger Weskamp an. Und zwar mit dem Preis als Projekt der UN-Dekade „Biologische Vielfalt“. Einleuchtend dürfte es inzwischen für viele Zeitgenossen sein, die Verschmutzung der Nacht mit Licht hat große Ausmaße angenommen. Speziell Insekten litten darunter, weil sie ihrer natürlichen Lebensräume beraubt sich der Lichtquelle näherten. Und dort komme es zum Insektensterben, wie bei einem Krimi-Tatort. „Aber es gibt ja viele Kommissare, die etwas dagegen tun.“

Akzeptanz der Bürger wichtig

Und auch die Prävention sei von großer Bedeutung. Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei habe sich verdient gemacht dabei – innovative Straßenleuchtung sei ein Aspekt dieser verdienstvollen Arbeit, um den Lebensraum aller zu verbessern. „Menschen wollen es gerne nachts hell haben, Insekten hilft es dagegen sehr, wenn es dunkel bleibt“, die Schlussfolgerung laute: Biodiversität kann nur gewährleistet und geschützt werden, wenn die Menschen Maßnahmen dafür akzeptieren.
In vier deutschen Kommunen wird das Projekt des Leibniz-Institutes in die Tat umgesetzt, in Krakow am See (Mecklenburg/Vorpommern), Gülpe und Neuglobsow (Brandenburg) und in Fulda (Hessen). Wobei Wert darauf gelegt wird, die einheimische Bevölkerung mit ins Boot zu nehmen. Zumal ein jeder das Recht habe auf „natürliche Dunkelheit“. Der Landrat lobte in diesem Sinne Neuglobsow: Denn im Speckgürtel könne man nachts nicht mehr mit bloßem Auge die Milchstraße betrachten. Da genieße auch der Ort am Stechlinsee einen großen Vorzug.

Naturfreundliche Straßenlampen

Dr. Sybille Schroer vom Leibniz-Institut nahm den Preis mit großer Freude entgegen. Zuvor hatte sie einen Vortrag gehalten, Titel: „Die Nacht bewahren, was können wir tun?“ Sybille Schroer betonte ausdrücklich: „Wir laden die Bürger ein, mitzumachen, sich einzumischen und Lichtverschmutzung zu verhindern“, erklärte die Wissenschaftlerin. Solarlampen im Garten beispielsweise: Sehr schön, wenn sie leuchten, aber der Igel wird verscheucht, seinen Lebensraum grenze man ein.
Weitere Vorträge trugen den Titel wie der Online-Vortrag: „Den Verlust der Nacht stärker ins Bewusstsein rücken – Aktivitäten und Handlungsempfehlungen zur Lichtverschmutzung aus der Bundessicht“, gehalten von der Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Dr. Beate Jessel. Und immer wieder schimmerte durch die geballte Ladung Kompetenz eine ursprüngliche Freude am Natürlichen. Sowie die Hoffnung, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren. Prof. Stephan Völker von der TU Berlin stellte schließlich ein Konzept für neuartiges „Straßenbeleuchtungsdesign“, quasi ein Kompromissangebot für Flora und Fauna.

Wissenschaftler und Bürger machen gemeinsame Sache


– Das Forschungsprojekt ist dem nächtlichen Insektensterben auf der Spur. Straßenbeleuchtung kann nachtaktive Fluginsekten stark beeinträchtigen, da viele Insektenarten vom Licht der Leuchten angezogen und ihren eigentlichen Lebensräumen entzogen werden.

– Forschende und sogenannte Bürgerwissenschaftler und selbstverständlich -wissenschaftlerinnen arbeiten in dem Projekt Hand in Hand. Sie untersuchen, welche Insektenarten von Straßenbeleuchtung beeinträchtigt werden und wie umweltgerechte Beleuchtungslösungen helfen, den Lebensraum und die natürliche Lebensweise der Insekten zu erhalten.

– Die Partnerkommunen Neuglobsow (BB, Oberhavel), Gülpe (BB, Havelland) Krakow am See (MV) und Fulda (HS) haben sich dem Projekt angeschlossen und geben nach Überzeugung des Leibniz-Institutes damit ein Paradebeispiel dafür, dass Gemeinden aktiv daran mitwirken, ein harmonisches Miteinander von Natur und Mensch zu ermöglichen.

– Die Vereinten Nationen haben den Zeitraum von 2011 bis 2020 als UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgerufen, um dem weltweiten Rückgang der Naturvielfalt entgegenzuwirken. Forscher gehen inzwischen davon aus, dass in den letzten Jahrzehnten bis zu 75 Prozent der Biomasse verschwunden sind.

– Die UN-Dekade Biologische Vielfalt in Deutschland lenkt mit der Auszeichnung vorbildlicher Projekte den Blick auf den Wert der Naturvielfalt und die Chancen, die sie bietet. Gleichzeitig zeigen diese Modellprojekte, wie konkrete Maßnahmen zum Erhalt biologischer Vielfalt, ihrer nachhaltige Nutzung oder der Vermittlung praktisch aussehen können.