Aufgeben kommt für Roselies „Rosa“ Rudorf nicht infrage, auch wenn die als „Strickliesel“ bekannte Zehdenickerin gerade nur knapp dem Tod entronnen ist. Es war  der 25. Januar dieses Jahres, als der rüstigen Rentnerin schwindlig und schlecht wurde. Zunächst dachte sie sich nichts dabei, dann stand sie von der Couch auf und fiel zu Boden. Mit letzter Kraft hob sie den Hörer ihres Telefons hoch, drückte die Kurzwahlnummer und hatte auch gleich ihren Lebensgefährten Gerhard Potzelt an der Strippe.

79-jähriger Lebensgefährte wird zum Lebensretter

Der 79-Jährige fackelte nicht lange und alarmierte den Rettungsdienst, der binnen Minuten in der Wohnung von Rosa Rudorf eintraf. Der Notarzt diagnostizierte einen Hirninfakt, viel Zeit zum Handeln blieb den Rettern nicht. Es stand Spitz auf Knopf. Statt die Rentnerin in die für solche Fälle prädestinierte Klinik nach Hennigsdorf zu transportieren, entschied man sich für die Einlieferung in die Ruppiner Kliniken. „Ich bekam schon gar nichts mehr mit, was um mich herum los war“, hat Rosa Rudorf so gut wie keine Erinnerung mehr an jene bange Minuten, als die Retter alles taten, um sie am Leben zu halten.

Mit dem Leben abgeschlossen

Als sie später in der Neuruppiner Klinik zu Bewusstsein kam, habe ihr der Arzt klar gemacht, wie ernst ihre Lage gewesen war. „Es war fünf vor zwölf“, sagte er mir. Das schnelle Handeln ihres Lebensgefährten, der sofort den Notarzt alarmierte, rettete wohl ihr Leben. Während sie auf der Quarantänestation lag, trudelten schon die ersten Genesungswünsche aus Zehdenick ein. „Mach kein Quatsch, Rosa, wir wollen Dich wieder sehen“, schrieben besorgte Nachbarn. Die Tagespflege des Zehdenicker AWO-Seniorenheims „Havelpark“ schickte sogar ein Präsent mit den besten Genesungswünschen. Seit Jahren engagiert sich Rosa Rudorf ehrenamtlich in der Einrichtung, ist in das Beschäftigungsprogramm für Tagesgäste und Heimbewohner eingebunden. Selbst bewohnt die 82-Jährige eine Wohnung in der Plattenbausiedlung im Zehdenicker Süden.

Fünf Wochen Klinik und Reha

Dahin kehrt sie auch zurück. Fünf Wochen, inklusive Reha, dauerte er, bis ihre Körperfunktionen weitgehend wieder hergestellt waren. Leichte Lähmungen in den Beinen und Taubheitsgefühle in der linken Hand, das ist alles, was vom Hirninfarkt geblieben ist. Sie sei zwar jetzt auf den Rollator angewiesen, aber ihre Beweglichkeit im Alter leide darunter nur minimal. Ihre kleine Wohnung im zweiten Stock will sie auf jeden Fall behalten, auch wenn das Treppensteigen jetzt länger dauert als früher, aber auch das Gehen. Sie lässt sich nicht runterziehen von ihrem Schicksalsschlag und verlässt täglich das Haus, um Besorgungen zu machen.  Sie sucht den Kontakt zu Nachbarn und Freunden. Und die spornen die vierfache Mutter immer wieder an: „Machen Sie was mit ihrer linken Hand“, werde sie immer wieder aufgefordert.

„Ich habe großes, großes Glück gehabt“

„Fast hatte ich schon mit dem Leben abgeschlossen“, erinnerte sie sich an die Stunden nach dem Aufwachen in der Klinik. „Ich habe großes, großes Glück gehabt“, sagte sie und war schon wenige Tagen nach ihrer Entlassung aus der Reha schon wieder dabei, Wünsche von Nachbarn zu erfüllen. Ihre Stricknadeln und Häkelhaken will sie keineswegs aus der Hand legen. Hunderte Blumen hat sie gestrickt, die sie in den nächsten Tagen einer Kita schenken möchte. Und Hausschuhe hat sie gehäkelt, an einem einzigen Abend, eine Auftragsarbeit. Nur hier und da sei sie jetzt auf fremde Hilfe angewiesen, beim Abnehmen und Aufhängen der Gardinen zum Beispiel oder beim Putzen ihrer kleinen Wohnung.
Auch das Kochen fällt ihr schwer, weshalb sie sich täglich etwas kommen lässt. Ihre Tochter kümmert sich und will für ihre Mutter einen Pflegegrad beantragen, damit die Pflegekasse die Haushaltshilfe stellt. „Ich bin noch nicht reif fürs Heim, um Gotteswillen“, sagt sie ganz entrüstet, wenn sie Leute darauf ansprechen oder ihren Lebenswillen unterschätzen. Gar böse kann sie werden, wenn jemand auch nur ansatzweise den Verdacht äußert, ihr Gedächtnis habe unter dem Hirninfarkt gelitten. So wie ihr das kürzlich beim Arztbesuch passiert sei.

Sehnsucht nach Normalität

Doch was ihr während der Corona-Pandemie sehr fehlt, das sind die Treffen mit anderen Menschen in der Stadt, aber auch die Trödelmärkte in Häsen oder der Bauernmarkt in Mildenberg, wo Rosa Rudorf ihre Handarbeitssachen immer zum Verkauf angeboten hat. Sich gegen das Virus impfen lassen? Die 82-Jährige zögert noch, obwohl sie sich längst hätte impfen lassen können. „Ich hatte noch nie eine Grippe, habe immer auf die Grippeschutzimpfung verzichtet, ich habe ein gutes Immunsystem“, sagte sie voller Überzeugung. Während ihres Klinikaufenthaltes sei sie mehrfach negativ getestet worden. Doch dabei wünscht sich auch Rosa Rudorf nichts Sehnlicher als Normalität. Erst recht, nachdem sie für kurze Zeit dem Tod näher war als dem Leben.