Besucher des Evangelischen Johannesstifts in Zootzen staunen nicht schlecht: Die Außenanlagen des Jugendsuchthilfe-Standortes von Neustart zeigen sich aufgeräumt und gut strukturiert – zwischen Sportanlagen, postmodernen Chill-Sesseln, Raucherecke und Hochbeeten. Noch mehr kommt der Gast ins Staunen, hört er oder sie einige der jungen Leute über Politik reden. Da wird sich selbst Landratskandidat Alexander Tönnies von der SPD am Montagvormittag die Augen gerieben haben.
Keine Spur von vernebelt und apathisch sein bei den jungen Leuten. Fiete, Paul und vor allem Emely wollten es ganz genau wissen und löcherten den Gast ausgiebig. Tönnies seinerseits bewies Reaktionsvermögen und Festigkeit sowie Evidenz in der Argumentation. Vor allem aber: Der Sozialdemokrat, der Nachfolger von Schröter und Weskamp werden möchte, fabulierte zur Freude der Anwesenden kein Bürokraten-Deutsch. Gut verständlich erläuterte der Kandidat seine politischen Grundsätze und Positionen.
Klar, dass die Jugendlichen bei ihren Fragen ureigene Belange in den Vordergrund stellten: So gebe es in Oberhavel durchaus noch Bedarf bei Freizeitangeboten für Jugendliche. Tönnies stellte klar, Sportanlagen zum Beispiel sollten offen für jedermann sein. Es wäre befremdlich, würden sie nur einer ausgewählten Gruppe zur Verfügung stehen. Außerdem stehe bei Tönnies die Breitensportförderung hoch im Kurs. „Und selbstverständlich benötigen Heranwachsende auch einmal einen Platz, an dem sie einfach abhängen können“, betonte Tönnies. Alles in allem hält der Kandidat mobile Sozialarbeit für eine gute Chance, junge Leute und Kinder auch in entlegenen Orten „mitzunehmen“.

Kinder stärker politisch beteiligen

Aus eigener Erfahrung fördert Tönnies Jugendbeiräte als Ergänzung der parlamentarischen Arbeit in Kommunen. In Hohen/Neuendorf, wo er zu Hause ist, habe man gute Erfahrung mit diesem Instrument gemacht, junge Leute in demokratische Entscheidungen einzubinden. Und wie ist das mit dem Herabsetzen des Wahlalters? Er sei überzeugt, dass sich junge Menschen frühzeitig einmischen wollen.

Zehdenick

Er selber sei mit 18 Jahren während der Wendezeit in die SDP, die Vorläuferin der Ost-SPD, eingetreten. „Mitmachen und sich einmischen, das wollen auch noch jüngere Menschen“, zeigte sich Tönnies überzeugt. Millionen von Kindern unter 16 Jahren hätten zum Beispiel kein Stimmrecht. „Deshalb plädiere ich dafür, dass Eltern künftig in Deutschland stellvertretend für ihre Kinder eine weitere, dann dritte Stimme bekommen“, erklärte er.

Wohnungsnot und hohe Mieten ein drängendes Problem

Die Frage nach bezahlbaren Mieten kam auf. Norbert Schröder erläuterte, dass ehemalige Neustart-Jugendliche, die sich in Oberhavel eine Perspektive aufbauen wollen, daran scheiterten, dass sie keine Wohnung bekommen - oder dass sie unbezahlbar sei. Der Kandidat hatte seine Hausaufgaben gemacht. Er rechnete vor, der Landkreis habe seit 2015 rund 160 Wohnungen gebaut, rund 30 Millionen Euro investiert. Denn Kommunen, soviel stehe fest, seien beim Bau von Sozialwohnungen oft materiell überfordert. „Es komme also auch hier auf eine gute Kooperation von Landkreis und Kommunen im Sinne der Bürger an“, plädierte Tönnies. Außerdem sollten Baugesetz und die Praxis der Ausschreibungen bei Bauvorhaben praxisfreundlich überarbeitet werden. „Das ist alles aber ein langer Prozess, in den vergangenen 20 Jahren ist in Deutschland das Problem Wohnungsbau aus den Augen verloren worden“, merkte er an und ergänzte, eine sinnvolle Infrastrukturpolitik sei in dem Zusammenhang auch von Bedeutung. Etwa beim öffentlichen Personennahverkehr. Er plädiere dafür, Schüler an der Planung der Schülertransporte stärker zu beteiligen, so wie es „bereits bei der Schulentwicklungsplanung gelaufen ist“, meinte Tönnies.

Thema Erdgas juristisch schwierig

Der Beginn des Unterrichts könnte doch so gestaltet werden, wie es den Anfahrtszeiten der Busse entspricht. Oder aber Buslinien wie Bürgerbuslinien nach Bedarfen ausrichten. „Die Devise kann nur lauten, vernetzt denken, keine Idee ideologisch ausblenden“, erklärte der SPD-Kandidat. Etwa bei der beitragsfreien Nutzung des Nahverkehrs für Schüler. Im Südkreis würden viel mehr Busse fahren als im Norden, da sei es nicht verständlich, dass die Kosten im Norden ebenso hoch sind.
Beim umstrittenen Thema Erdgas stellte Tönnies klar, dies sei rechtlich gesehen sehr schwierig zu regeln, weil es uralte Genehmigungen gebe, die der Investor für sich reklamiert. „Man muss also mit den Investoren reden“, zeigte sich Tönnies überzeugt. Beim Thema Extremismus bewies der gelernte Polizist eine klare Position. Intoleranz und Extremistische Positionen würden niemals geduldet. Aber hierbei komme es grundsätzlich auf eine bessere Bildung an, um Vorbeugung zu bewirken. Doch auch strafrechtlich sollte konsequenter vorgegangen werden. „Aber man darf sogenannte Extremisten nicht pauschal in Schubladen stecken, viele sind einfach sehr verbittert“, also sei es immer notwendig das Gespräch zu suchen. Dies sei auch seine Erfahrung als Polizist. Und er sprach sich dafür aus, jungen Leuten mit einer zweifelhaften Vergangenheit, etwa beim Thema Drogen, stets eine zweite und dritte Chance zu geben.

Wie den Ärztemangel beseitigen?

Die Arbeit im Landratsamt sollte transparenter gestaltet werden, für den Bürger nachvollziehbarer. Denkbar wäre die Außenstelle in Gransee auch als Anlaufpunkt für die Bürger wiederzubeleben. Und er machte kein Hehl daraus: Oberhavel könne bei der Digitalisierung, etwa im Rahmen von öffentlich-rechtlichen Verwaltungsabläufen, noch einen Zahn zulegen.
Der Ärzte-Mangel sei ebenso ein wichtiges Thema, betonte Kandidat Tönnies. Er sei ein Freund von Medizinischen Versorgungszentren. Gerade in der Gesundheitspolitik sollte man sich überdies von einem ausschließlichen Blick auf die Effiziens-Aspekte verabschieden. Es könnten nicht nur marktwirtschaftliche Elemente die Richtung vorgeben.

Biografisches über Alexander Tönnies

Alexander Tönnies wurde 1972 geboren und wuchs in Ostberlin auf. 18-jährig trat er in die SDP ein, Vorläufer der SPD in den neuen Bundesländern.
Tönnies hat alle drei Laufbahnen im Öffentlichen Dienst absolviert und kann auf einige spannende Projekte zurückblicken.
So hat der 49-jährige Tönnies bei der Berliner Polizei Großveranstaltungen wie die Loveparade oder Staatsbesuche mitorganisiert, im Bundesinnenministerium das Sicherheitskonzept für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 mitentwickelt und als Pressesprecher der Berliner Polizei fungiert, bis er 2016 in die Hohen Neuendorfer Stadtverwaltung wechselte.
„Ich stehe für Transparenz am Arbeitsplatz und in der Politik“, fasst der Hohen Neuendorfer seinen Arbeitsstil, der auf langjähriger Berufserfahrung auf Bundes-, Landes-, und Gemeindeebene basiert, zusammen. Gemeint ist damit, Mitarbeiter und Bürger bei Entscheidungen mitzunehmen und dabei stets das Gespräch zu suchen.