Herbstzeit ist Kastanienzeit. Das war wohl schon immer so. Als Kinder zogen wir los unter die Kastanienalleen mit Taschen und Tüten in der Hand, um die glänzenden, braunen Früchte aufzusammeln. Zuhause wurden sie dann aus ihrer stacheligen Verpackung geschält, mit dem Dorn des Milchdosenöffners angestochen, vier Mal unten, einmal oben.Vier Streichhölzer bildeten die Beine, in das obere steckten wir ein weiteres Streichholz, an dessen Ende kam dann eine Eichel als Kopf – fertig war die Giraffe.

Kastanie ist vielseitig verwendbar

So entstand jedes Jahr im Herbst ein ganzer Zoo, der dann langsam vor sich hin schrumpelte, unansehnlich wurde und irgendwann ganz versehentlich von der Mutter mit dem Staubsauger – heute würden wir sagen – entsorgt wurde. Dieses Schicksal kann den Kastanien nicht drohen, die die Frauen der Frauenwerkstatt am Sonnabend auf die Tische von „Hallo Nachbar“ gelegt hatten. Für sie war es „Rohstoff“ für erstaunlich weitere Verwendungen: für Waschmittel, für Tee, für Cremes und Öle.

Aufgefüllt mit hochprozentigem Alkohol

Die diplomierte Gartenbau-Ingenieurin Ulrike Kirchhoff leitete die zwölf Frauen an, die unterschiedlichen Materialien aus diesem Rohstoff herzustellen. Für Weißwäschen schälten die Frauen die braunen Schalen von den Früchten, viertelten sie und füllten sie in Gläser mit ein wenig Wasser. Bei dunkler Wäsche, so Ulrike Kirchhoff, müssen die Kastanien nicht geschält werden. Sie erzählte, dass sie die Kastanien mit dem Mixer verkleinere, sie anschließend auf dem Backblech verteile und im Backofen trocknen lasse. Diese Masse fülle sie in eine Socke, die sie in die Waschmaschine lege. Sie schwärmte von den Waschergebnissen. Der Grund für diesen „Persil-Effekt“ seien die Saponine, eine Art Grund-Seife; dies hatten wir als Kinder auch schon festgestellt, weil die geschälte Kastanie sich etwas „schmierig“ anfühlte und beim Probieren „nach Seife“ schmeckte. Doch nicht nur säubern kann die Kastanie, sie kann auch Schmerzen lindern. Dazu viertelten die Frauen die Kastanien unter der fachgerechten Anleitung der Gartenbau-Ingenieurin, füllten sie in Gläser, die dann mit mindestens 40-prozentigem Wodka aufgefüllt wurden.

Um Kürbis und Maronen dreht sich der Treff Ende Oktober

Statt Wodka könnten alle möglichen Schnäpse mit einer Umdrehungszahl von 40plus verwendet werden. Die Gläser, so Kirchhoff, müssen nun zwei Wochen im Dunklen ziehen und anschließend filtriert werden. Der Sud kann dann auf die Haut aufgetragen oder noch weiter verfeinert werden: „Mit Olivenöl, Bienenwachs, Lanolin kann daraus eine feine Creme entstehen“, erklärt Ulrike Kirchhoff. Kastanien helfen gegen Rheuma, Gicht, haben einen positiven Einfluss auf die Venen, erweitern die Adern und wirken so auch Herzkrankheiten vor. Selbst als Tee kann die Kastanie punkten: „Dazu nehme ich im Mai die Blüten, lasse sie trocknen und gieße sie dann mit heißem Wasser auf.“ Dann wirke die Pflanze beruhigend und ausgleichend auf das Seelenleben.
Ulrike Kirchhoff, die auch Fastenleiterin ist, möchte den Frauen zeigen, wie die Menschen mit der Natur in Wechselwirkung stehen, welche Mittel aus der Natur uns Menschen guttun. Petra Delport weist als Leiterin der Frauenwerkstatt darauf hin, dass „Hallo Nachbar“ ein gemeinsames Projekt des Kunstvereins Zehdenicks und der Willkommensinitiative sei. Beim kommenden Treffen am 31. Oktober geht es um „Kürbis und Maronen“, um einheimische Früchte und Pflanzen.