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Alberich kündigte den frierenden Fremden an

Ein Held auf vier Pfoten: Hund Alberich hat den Ausreißer zuerst erschnüffelt und sein Frauchen überhaupt erst auf den Jugendlichen aufmerksam gemacht.
Ein Held auf vier Pfoten: Hund Alberich hat den Ausreißer zuerst erschnüffelt und sein Frauchen überhaupt erst auf den Jugendlichen aufmerksam gemacht. © Foto: MZV/Melzer-Voigt
Judith Melzer-Voigt / 17.01.2013, 07:59 Uhr
Kerzlin/Neuruppin (MZV) Als ein frierender, geistig behinderter Jugendlicher plötzlich vor ihrem Tor in Kerzlin stand, hatte Marion Beckmann nur eines im Sinn: Ihm muss geholfen werden. Das tat sie dann auch - mit einer Tasse Kakao und Radiomusik.

Marion Beckmann (Name geändert) möchte nicht, dass ihr echter Name in der Zeitung steht. Schließlich sei es selbstverständlich, was sie getan hat. Außerdem gebühre der Dank eigentlich Alberich, ihrem sechs Jahre alten Boxer-Rüden. Der Hund war es nämlich, der auf den 16-Jährigen aufmerksam wurde, der zuvor aus den Ruppiner Kliniken verschwunden war (RA berichtete).

"Alberich hat angeschlagen", erinnert sich die Kerzlinerin an den Montagabend gegen 18 Uhr, als sie plötzlich so unerwarteten Besuch bekam. Sie lebt etwas außerhalb von Kerzlin, daher ist es schon ein Zeichen für etwas Ungewöhnliches, wenn Alberich sich so energisch zu Wort meldet. "Ich habe noch nach draußen geguckt, aber da war nichts zu sehen." Doch der Boxer wollte keine Ruhe geben. "Er hat gebellt, aber nicht böse." Als Marion Beckmann ihn zirka zehn Minuten später nach draußen ließ, lief der Hund sofort zur Gartenpforte und wedelte mit dem Schwanz. Die 28-Jährige schnappte sich eine Lampe und ging hinterher. "Und da habe ich dann den jungen Mann gefunden", sagt sie.

Statt sich ihr vorzustellen, stellte der Jugendliche seinerseits Fragen: wer sie denn sei und was sie von ihm wolle. "Er trug Jeans, feste Schuhe und eine Jacke, die zwar auf den ersten Blick dick aussah, es aber nicht war", erzählt die Kerzlinerin. Der Fremde sei total durchgefroren gewesen. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Die Polizei suchte schon seit dem späten Nachmittag auf Hochtouren nach dem geistig Behinderten, der aus dem Krankenhaus verschwunden war. Dass der Mann knapp 14 Kilometer entfernt in Kerzlin auftauchen würde, damit rechnete niemand.

Seinen Namen wollte er junge Mann Marion Beckmann nicht nennen. "Er wollte eigentlich weiterlaufen", erinnert sie sich. Dass er 16 Jahre alt ist, hätte sie nicht gedacht. "Ich habe ihn auf 13, 14 geschätzt." Die Kerzlinerin lief ins Haus und informierte die Polizei. Kaum hatte sie begonnen, ihren Fall zu schildern, als der Beamte am anderen Ende der Leitung auch schon erleichtert ausrief: "Wir haben ihn." "Da wollte ich natürlich wissen, was mit dem Jugendlichen los ist." Der Polizist erklärte ihr alles, betonte aber, dass der junge Mann keineswegs gefährlich ist. "Also habe ich gesagt, dass ich jetzt erstmal einen Kakao machen werde und auf die Polizei warte." Während ihre Mutter das heiße Getränk zubereitete, versuchte Marion Beckmann, das Vertrauen des Ausreißers zu gewinnen - mit einer Cola. Danach war das Eis gebrochen. "Ich wollte wissen, ob ihm kalt ist und ob er sich aufwärmen möchte", so die 28-Jährige. Mittlerweile wusste sie von den Beamten, dass der junge Mann geistig behindert ist. "Aber den Eindruck hat er auf mich überhaupt nicht gemacht." Auf die Frage, ob er denn nicht wisse, dass man bei so einem Wetter erfrieren kann, antwortete er nur: "Doch, aber ich wusste nicht, dass es so kalt ist."

Nun stand Marion Beckmann vor einem Problem: Es erwies sich als unmöglich, den Ausreißer ins Haus zu bekommen. "Mein Vater wollte aber sowieso gerade einkaufen fahren und hatte das Auto schon vorgeheizt", sagt sie. Also setzte sie sich kurzerhand mit dem Jugendlichen dort hinein. Mittlerweile war auch der Kakao fertig.

Während sie auf die Polizisten warteten, erzählte der 16-Jährige, warum er aus den Kliniken verschwunden war. Er wollte sich einen Joghurt für später aufheben, sollte ihn aber essen. "Da wurde er bockig, wie jeder andere Jugendliche", erzählt die Helferin. Bösartig sei er keineswegs gewesen - im Gegenteil. Er entschuldigte sich anschließend sogar bei ihr, weil er Hund Alberich durch sein Auftauchen zum Bellen gebracht hat. "Er wollte auf keinen Fall, dass er deswegen Ärger bekommt."

Als die Beamten dann eintrafen und den Ausreißer mit einer warmen Decke in Empfang nahmen, gab es noch einen Händedruck, dann verschwand der 16-Jährige wieder. "Es war interessant, ihn kennenzulernen", sagt Marion Beckmann. Für sie ist es selbstverständlich, einem Menschen zu helfen, der in Not ist. "So wurde ich erzogen. Ich habe etwas ganz Normales gemacht." Auch den Jugendlichen kann sie verstehen: "Es ist doch normal, dass man rebelliert - und wenn es wegen eines Joghurts ist." Laut Verena Clasen, der Pressesprecherin der Ruppiner Kliniken, geht es dem 16-Jährigen nach seinem Ausflug gut.

Für Polizeisprecherin Dörte Röhrs ist es nicht selbstverständlich, dass jemand wie Beckmann reagiert und einem frierenden Fremden einen Kakao und einen Unterschlupf anbietet. Daher hat sich die Polizei auch bei der Helferin bedankt. Gerade bei Personen, die leicht verwirrt oder orientierungslos sind, sei es aber auch nicht immer einfach, die Situation einzuschätzen. "Da zählt der erste Eindruck, den man von einem Menschen hat", so Röhrs. Leute sollen ruhig auf ihr Bauchgefühl hören. Doch gar nicht helfen - das geht nicht. "Es ist auch möglich, den anderen zu beobachten und gleichzeitig die Polizei zu rufen", rät die Polizeisprecherin. Das sei wie bei einem Verkehrsunfall, bei dem sich jemand nicht traut, auszusteigen und zu helfen, weil es sich um eine Falle handeln könnte. Mit einem Anruf könne man sowohl seiner Pflicht nachkommen, als auch das eigene Gewissen beruhigen.

Für Beckmann steht fest, dass sie wieder so handeln würde. "Ich will ja auch, dass man mir hilft, wenn ich in Not bin."

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