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Mit dem Familienvan auf Diebestour

In Wall half nur noch das Handy: Durch den Diebstahl der Kupferkabel funktionierte das Telefonnetz im Dorf nicht mehr. Der Angeklagte Stephan S. räumte auch diese Tat am Dienstag vor dem Amtsgericht ein.
In Wall half nur noch das Handy: Durch den Diebstahl der Kupferkabel funktionierte das Telefonnetz im Dorf nicht mehr. Der Angeklagte Stephan S. räumte auch diese Tat am Dienstag vor dem Amtsgericht ein. © Foto: Pixelio
Judith Melzer-Voigt / 30.01.2013, 06:51 Uhr - Aktualisiert 30.01.2013, 17:40
Wall/Neuruppin (MZV) Er kam nachts, suchte sich eine unbeobachtete Stelle und stahl Telefonkabel: Ein 30-jähriger Granseer, der unter anderem 2011 für den Totalausfall des Telefonnetzes in Wall verantwortlich war, muss nun für zwei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis.

Der Staatsanwalt musste sich beim Verlesen der Anklageschrift am Dienstag vor dem Neuruppiner Amtsgericht Zeit lassen: Insgesamt 44 Fälle von Kabeldiebstahl wurden Stephan S. vorgeworfen. Er soll zwischen Dezember 2010 und März 2012 in Ostprignitz-Ruppin und Oberhavel Kabel verschiedener Länge gestohlen und sie gewinnbringend verkauft haben.

Taten in Wall, Radensleben und Papsthum wurden ihm ebenso zur Last gelegt wie Diebstähle in Fürstenberg, Liebenwalde, Kremmen, Oranienburg, Gransee, Häsen, Gutengermendorf, Sonnenberg, Neutornow, Mildenberg, Großmutz und Wittstock. Mal waren es 200 Meter Oberleitung, mal 350, einmal sogar 550 Meter Kabel, die Stephan S. gestohlen haben soll.

Der Angeklagte hörte am Dienstag regungslos zu. Er saß neben seinem Verteidiger Peter Supranowitz und schaute auf seine Hände. Als der Staatsanwalt seine Ausführungen beendet hatte, meldete sich der Verteidiger zu Wort. Der dreifache Familienvater gestehe 15 der vorgeworfenen 44 Taten. Anfang 2011 habe er dreimal in Liebenwalde zugeschlagen und Schäden zwischen 1 500 und 3 000 Euro verursacht. Dazu kamen Diebstähle im Juni, Juli und August 2011 ebenfalls in Liebenwalde. Im September hat er eine Überlandleitung nahe Zehdenick gestohlen. Und auch die Straftaten in Wall räumte der 30-Jährige ein. Im September und Oktober 2011 mussten dort die Einwohner mehrmals ohne Telefon auskommen, weil S. die Verbindungskabel stahl. Im Januar 2012 schlug er nochmals in Wall zu. Es folgte im Februar ein Beutezug in Liebenwalde, bevor die Diebestour des Granseers, der damals in Eberswalde lebte, im März gestoppt wurde. Nachdem er nahe Radensleben Kupferkabel gestohlen hatte, wurde er von der Polizei per Hubschrauber verfolgt und musste sein Auto zurücklassen, das im Schlamm feststeckte. Er konnte fliehen, wurde aber enttarnt, als er seinen Wagen als gestohlen meldete.

"Alle anderen Taten hat er aber nicht begangen", sagte Verteidiger Supranowitz. S. erklärte am Dienstag ganz genau, wie er bei seinen Diebstählen vorgegangen war - ohne Reue, als würde er einen normalen Büroalltag schildern. Er sei in der Nacht losgefahren, noch ohne Ziel. Wenn er dann eine geeignete Stelle entdeckte, holte der Mann ein Seil aus seinem Ford Galaxy, warf das über die Überlandkabel und zog sie damit zu sich nach unten. Dann kam die Eisensäge zum Einsatz. Wenn ein Kabelstück abgeschnitten war, befestigte es S. an seinem Wagen, fuhr ein Stück vom Tatort weg, zerkleinerte das Kabel, verstaute alles im großen Kofferraum des Familienvans und fuhr nach Hause. "Dann habe ich alles erstmal gesammelt und bin zum Schrotthändler gefahren", so S. Dort sei immer alles ohne Fragen abgenommen worden - auch die kleinen Telefonhörer, die auf einigen Kabeln abgebildet gewesen sind, seien nicht beanstandet worden.

Wie groß der Verdienst nach einer solchen Tour war, wollte Richter Gerhard Pries wissen. Das konnte S. nicht genau sagen, aber Summen zwischen 100 und 800 Euro seien immer drin gewesen. "Ich hatte im Schnitt 115 bis 120 Kilogramm dabei, wenn ich zum Schrotthändler gefahren bin", sagte der 30-Jährige, der mit 16 Jahren nach der siebten Klasse die Schule verlassen hat. Manchmal habe er 98 Euro je 100 Kilogramm erzielt, manchmal waren es sogar 160 Euro.

S. war zur Zeit seiner Taten arbeitslos und bezog Hartz IV - ebenso wie seine Frau. Von rund 2 000 Euro inklusive Kindergeld habe die Familie gelebt. Ein Arzt habe ihm nach einem Bandscheibenvorfall verboten zu arbeiten, erklärte der Angeklagte. "Sie haben Tonnen von Diebesgut weggetragen und da hatten Sie keine Rückenschmerzen?", fragte Pries. Dagegen habe er Tabletten genommen, so S. "Was hat Sie zu den Diebstählen veranlasst?", wollte Pries wissen. "Wir hatten zu wenig Geld", meinte S. Am 18. März wolle er eine Umschulung zum Industriereiniger beginnen, sagte der Granseer. Einen entsprechenden Vertrag gebe es aber noch nicht.

Er habe schon öfter darüber nachgedacht, mit den Diebestouren aufzuhören. Aber dann hat das Geld gelockt, das vor allem für Lebensmittel und Kinderkleidung verwendet wurde. Doch auch die drei Handys der Familie, das Auto, der Garten und die Miete für die Garage haben zu Buche geschlagen.

"Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass der Schaden, den Sie anrichten, höher ist als das, was Sie vom Schrotthändler bekommen haben?", wollte Pries wissen. Nein, das sei ihm nicht in den Sinn gekommen, so S. Er schätze, dass er zwischen 5 000 und 6 000 Euro durch seine Straftaten eingenommen hat. 15 000 Euro Sachschaden hat S. laut Pries allein für die Telekom verursacht - und da sind Reparaturkosten noch nicht enthalten.

Sein Vorstrafenregister war es am Dienstag schließlich, das S. eine Gefängnisstraße von zwei Jahren und sechs Monaten einbrachte: Insgesamt zehn Mal ist der 30-Jährige bisher aufgefallen - unter anderem wegen Diebstahls, Raubes und des Fahrens ohne Führerschein. Er hat daher auch schon einiges an Bewährungszeit hinter sich. Daraus gelernt hat er laut Pries nicht, weswegen nun eine Gefängnisstrafe verhängt wurde.

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