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Sie machen das Pferd zum Lehrer

Sind als Team zusammengewachsen: 16 Menschen aus Bulgarien, Polen, Griechenland, Schweden und Frankreich waren bei dem Workshop dabei. Auch Jean-Luc Menu (vorne) wollte durch den Kurs mehr über sich selbst erfahren.
Sind als Team zusammengewachsen: 16 Menschen aus Bulgarien, Polen, Griechenland, Schweden und Frankreich waren bei dem Workshop dabei. Auch Jean-Luc Menu (vorne) wollte durch den Kurs mehr über sich selbst erfahren. © Foto: MZV/Melzer-Voigt
Judith Melzer-Voigt / 03.05.2013, 17:25 Uhr
Brunne (MZV) Man nehme Teilnehmer aus vielen Teilen Europas, eine idyllische Pferde-Ranch, stolze Tiere und einen sympathischen Trainer, stecke alles eine Woche lang zusammen und heraus kommt eine Erfahrung der besonderen Art. Genau die haben 16 Menschen in Brunne gemacht.

Pawel Nowakowski arbeitet bei einem Security-Unternehmen in Polen. Marek Gajldowski hat den Beruf des Maurers gelernt. Der Franzose Jean-Luc Menu ist mittlerweile Rentner. Dass sie alle sich im normalen Alltagsleben begegnet wären, ist höchst unwahrscheinlich. Doch ausgerechnet im kleinen Brunne haben diese grundverschiedenen Menschen zusammengefunden. Sie und 13 weitere Menschen haben dort in den vergangenen Tagen am Seminar "Lernen vom Pferd" teilgenommen. In einem wilden Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch und der jeweiligen Muttersprache haben sie sich verständigt. Doch ums Reiten ging es dabei nicht. Ganz im Gegenteil. Es ging mehr um den Umgang mit einem anderen Lebewesen, das ganz genau auf die Signale reagiert, die der Mensch ausstrahlt - ob bewusst oder unbewusst.

95 Prozent der Teilnehmer hatten bis vor kurzem keinerlei Erfahrung mit Pferden. Sie kamen aus Bulgarien, Polen, Griechenland, Frankreich und Schweden. Trainiert wurden sie von Etienne Hirschfeld, dem Besitzer des Stalls in Brunne. Sebastian Maass und seine Frau Katja Röhrig-Maass vom Verein Interkulturelles Netzwerk haben die Runde zusammengebracht. Sie leiteten den Kurs. Seit 1996 arbeitet der Zusammenschluss im Bereich der interkulturellen Jugend- und Erwachsenenbildung. "Leute aus verschiedenen Ländern kommen zusammen und arbeiten gemeinsam zu einem bestimmten Thema", erklärte Sebastian Maass. 35 Begegnungen werden pro Jahr organisiert. Der Verein hat seinen Sitz in Berlin und Neuruppin. "Es gibt verschiedene europäische Förderprogramme zur Mobilität", so Maass. Eines davon ist das Grundtvig-Programm, über das auch das Projekt in Brunne finanziert wurde.

In der einen Woche, die die Leute vor Ort waren, haben sie beispielsweise die Anatomie eines Pferdes kennengelernt, die Tiere geführt, ihre Koppel sauber gemacht, die Pferde beobachtet und sich mit Fohlen beschäftigt. "Pferde sind - wie viele Tiere - sehr offen für Signale", sagte Sebastian Maass. Zu lernen, sich klar zu äußern, ist eines der Ziele des Workshops gewesen. Wird Stopp gesagt, müsse das so geschehen, dass das Tier das annimmt und verarbeitet. Tritt ein Mensch einem Tier unsicher gegenüber, merkt es das und reagiert seinerseits mit Unsicherheit. Diese Regeln lassen sich dann auf das Zusammenleben von Menschen übertragen.

Nach und nach haben die 16 Teilnehmer in den vergangenen Tagen Kontakt zu den Tieren aufgenommen. Am Ende der jeweiligen Aktionen gab es am Abend eine Auswertung im Team. "Viele haben gesagt, sie haben viel über sich selbst gelernt", so Maass. Auch ihre eigenen Grenzen im Umgang mit anderen seien vielen klar geworden.

Das trifft auch auf Jean-Luc Menu zu. Der 64-Jährige kommt aus einem Ort nahe Montpellier in Frankreich. Seine Motivation, sich für den Workshop zu bewerben war einfach: "Ich wollte mal sehen, wie es ist, mit Pferden zu arbeiten", sagte er. Interessant war für ihn auch, dass ihm wirklich erklärt wurde, wie die Tiere aufgebaut sind, vom Schädel bis zum Huf. Er hat viel über die Pflege der Pferde erfahren und wie empfindlich sie sind. "Als Mensch muss man viel Geduld haben, wenn man mit ihnen arbeitet", sagte er. Dasselbe gelte für Menschen. Diese Erkenntnis will er mitnehmen und im Alltag stärker anwenden.

Marek Gajldoski hatte bisher keinerlei Erfahrung mit Pferden. Der 50-Jährige Pole fand die Arbeit mit den Tieren schon immer faszinierend - auch wenn er sie bisher nur in Westernfilmen sehen konnte. "Die Pferde leben zusammen in einer Gemeinschaft - wie wir", sagte er am Freitag. "Und jedes Tier hat einen anderen Charakter." Und daher müsse auf jedes Tier anderes reagiert werden. Auch dabei gibt es Parallelen zum Menschen. "Vielleicht bin ich ja in Zukunft etwas geduldiger mit anderen", hoffte er. Versetzt man die Tiere in Stress, werden sie aggressiv, hat er in Brunne beobachtet. "Das Gleich gilt, wenn wir nach der Arbeit gestresst nach Hause kommen und ungehalten auf die Kinder oder den Partner reagieren."

Den wohl größten Schritt in eine andere Richtung hat in der vergangenen Woche Pawel Nowakowski gemacht. Der 40-Jährige hatte vor dem Workshop sogar Angst vor dem Kontakt mit großen Tieren. Davon war am Freitag nichts mehr zu sehen: Die Tierhaare hingen an seinem Pullover, mit seiner Kamera stand er bei allen Lektionen in der ersten Reihe. "Das Beisammensein mit Pferden macht mich ruhiger", sagte er. Zu Hause in Polen will er versuchen, Kontakt zu einem Pferdehof zu bekommen, um dort weiter an seinem Umgang mit den Tieren zu arbeiten. Und auch seine Frau will er davon überzeugen. An sich sei er ein zurückhaltender Mensch, so Nowakowski. "Ich kann mir aber vorstellen, dass Menschen, die unruhiger sind, im Kontakt mit den Tieren mehr Ruhe finden könnten." Das Pferd sei wie ein Spiegel. "Bin ich aggressiv, ist es das auch."

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