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"Der Spargel ist schon in meinem Blut"

Kehrt Polen jedes Jahr den Rücken: Robert Wyszynski kommt seit 1989 zur Erntezeit nach Deutschland. Als Spargelstecher hat er einst begonnen, in Kremmen ist er als Vorarbeiter für den reibungslosen Ablauf und 39 Mitarbeiter verantwortlich.
Kehrt Polen jedes Jahr den Rücken: Robert Wyszynski kommt seit 1989 zur Erntezeit nach Deutschland. Als Spargelstecher hat er einst begonnen, in Kremmen ist er als Vorarbeiter für den reibungslosen Ablauf und 39 Mitarbeiter verantwortlich. © Foto: Anja Hamm
Anja Hamm / 01.05.2014, 14:00 Uhr
Kremmen (MZV) Zu seiner ersten Spargelernte fuhr Robert Wyszynski mit dem Rad. Das war im Jahr 1989, in der Nähe von Hannover. Autos oder Busse, die die Saisonarbeiter von der Unterkunft zum Einsatzort auf dem Feld bringen, gab es damals noch nicht. Zwei Monate lang radelte er die vier Kilometer hin und zurück. "Das war meine Tour de France", sagt Robert Wyszynski lachend. "Die Deutschen sind mit dem Mercedes auf das Feld gekommen", scherzt er, um die unterschiedlichen Lebensverhältnisse zu jener Zeit deutlich zu machen. Deutsche und Polen arbeiteten damals gemeinsam auf den Spargelfeldern.

Mit dem Messer in der Hand holte der 24-Jährige die zerbrechlichen weißen Stangen aus dem dunklen Erdreich, bis die Handinnenflächen von aufgeplatzten Blasen zerschunden waren. Nach der Erntezeit fuhr er in seine Heimatstadt Breslau, zurück zu seiner Frau. Im Jahr darauf reiste er bereits als Vorarbeiter nach Deutschland.

So spielt sich das nunmehr seit 25 Jahren ab. Jeden Frühling begibt sich der 49-Jährige auf die Reise über die Grenze, seit 2008 führt seine Fahrt nach Kremmen. In seiner Heimat pflegen die Menschen keinerlei Leidenschaft für das Gemüse - während die Deutschen sich die edelsten Namen für die Stangen ausdenken: "essbares Elfenbein" oder "königliches Gemüse". Wyszynski hat ihn probiert, "und er schmeckt", sagt er. "Der Spargel ist schon in meinem Blut", erklärt der Breslauer. Sein Deutsch ist etwas holprig, er hat es ganz nebenbei auf dem Feld gelernt. So ist er mit den Jahren zu einem wichtigen Mittler zwischen seinem Chef Malte Voigts und den Arbeitern geworden, die oft kein Deutsch beherrschen.

Ein paar Mal hatte Robert Wyszynski auch bei der Weinernte geholfen. Er denkt an schöne Stunden auf den Weingütern zurück. Aber bei der Weinernte springt weniger raus, macht er klar. Von seinem ersten Lohn als Spargelstecher 1989 kaufte er einen Fernseher "und viele Geschenke".

Auch heute noch ist es der Lohn, der die Menschen zur Spargelernte nach Deutschland zieht, erzählt Robert Wyszynski. Bis zu 2000 Euro nehmen die Saisonkräfte nach der Ernte mit nach Hause. "Dafür arbeitet man in Polen vier Monate", verdeutlicht der Vorarbeiter den finanziellen Anreiz. Gezahlt wird pro geerntetem Kilo Spargel, wer 100 Kilo am Tag schafft, verdient bis zu 80 Euro. "Das Spargelstechen ist eine schwere Arbeit", sagt Wyszynski. Dennoch wirbt er, wenn er nach Hause fährt, um weitere Erntehelfer, ohne die Strapazen auszusparen. Die Saisonkräfte seien oft Landarbeiter, sagt er. Auch er wusste, was Arbeit in der Landwirtschaft bedeutet, Wyszynski wuchs in Zakopane auf, einer südpolnischen Stadt am Fuße der Hohen Tatra.

Auf dem Spargelhof in Kremmen kümmert sich der 49-Jährige in diesem Jahr um eine Gruppe polnischer und rumänischer Erntehelfer. Sie machen die größte Gruppe der Saisonkräfte aus - auf dem gesamten Hof arbeiten etwa 500. Wyszynski ist dafür verantwortlich, dass "seine" 39 Spargelstecher, zwei Busfahrer und die Fahrer, die den Spargel vom Feld zum Hof bringen, reibungslos arbeiten können. Ist etwas an den Geräten oder Handwagen zu reparieren oder zu ersetzen, meldet er es. Der Tag teilt sich in zwei Schichten, von 6 bis 11 Uhr, und ab 13, 14 bis 15 Uhr, je nach Wetter und sechs Tage die Woche. Der Vorarbeiter lernt die neuen an. 30 Prozent der Männer ernten zum ersten Mal, erzählt Wyszynski. Er erklärt ihnen, wie das Messer zu wachsen ist, wie der Spargel bruchfrei geschnitten wird. "In ein bis zwei Wochen lernen sie das", sagt er. Aber auch für das Zwischenmenschliche fühlt er sich zuständig. Er betreut ausschließlich Männer, und auch wenn er es nicht deutlich ausspricht, hat er auch hin und wieder dafür zu sorgen, dass die Stimmung in der Gruppe stimmt, dass nach Schichtende nicht zu viel getrunken wird. "Außer dem Feld und der Wohnung sehen wir nicht viel", sagt Robert Wyszynski. In Flatow leben er und die Saisonarbeiter in Wohnungen zusammen. "Wie im Hotel", sagt er lachend, weil sich die Männer nicht um den Hausputz kümmern müssen. Abends wird gekocht, zusammen gesessen. 50 Euro bekommt jeder Arbeiter, um sich mit Lebensmitteln und anderen Dingen für den täglichen Bedarf zu versorgen, erzählt der Breslauer. Kontakt zu den Kremmenern haben sie kaum. Wie groß das Misstrauen ist, zeigte im vergangenen Frühjahr der Überfall von Flatowern auf Saisonkräfte, weil sie diese für Einbrecher hielten. Robert Wyszynski hat der Vorfall nicht besonders getroffen. Gewalt gegen Fremde gebe es in Polen ebenfalls, sagt Wyszynski mit einem Bedauern in der Stimme. Nur die neuen Kollegen hätten in den ersten ein, zwei Tagen Angst, gesteht er. "Dann nicht mehr."

Für mehr als zwei Monate will sich der 49-Jährige keinen Job in Deutschland suchen. Breslau ist sein Zuhause, dort gehen seine beiden Söhne zur Schule und in die Uni. "Mehrmals täglich" telefoniert er mit ihnen und seiner Frau, über alle Probleme ist er stets auf dem Laufenden. 1989 musste er noch Briefe schreiben, berichtet Robert Wyszynski.

Das restliche Jahr über ist der gelernte Autotechniker in der Werkstatt seines Bruders tätig. Wenn er ankommt, hat er zwei Kilo Spargel im Gepäck. Er bereitet ihn, typisch deutsch, mit Butter zu. Essen muss er ihn allein. Denn, typisch polnisch, mag seine Frau den Spargel nicht.

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