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Zwei OPR-Bauwerke beim Tag der Architektur

Mitten in der Innenstadt hat Architekt Peter Köster einen Neubau errichtet, der perfekt ins historische Ensemble an der Schlossstraße passt.
Mitten in der Innenstadt hat Architekt Peter Köster einen Neubau errichtet, der perfekt ins historische Ensemble an der Schlossstraße passt. © Foto: MZV
Christian Schönberg / 19.06.2015, 18:06 Uhr
Herzsprung/Rheinsberg (MZV) Beim Tag der Architektur am Sonntag, 28.Juni, werden in Brandenburg Bauten von besonderem Wert der Öffentlichkeit gezeigt. Die Architekten selbst stehen zu Gesprächen bereit. Die Architektenkammer sucht dafür neu entstandene Bauwerke aus, die etwas Besonderes an sich haben. In Ostprignitz-Ruppin wurde sie zweimal fündig: in Rheinsberg und Herzsprung.

Dass Rheinsberg nicht nur ein Ort der Seenkette und der Keramik, sondern auch der Architektur ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Das Schloss steht schließlich nicht von ungefähr als einer der bedeutendsten preußischen Bauten in jedem Urlaubsführer. Dass sich das Gebäude des im Mai 2014 eröffneten Café Claire daran anlehnt, sieht der Laie nicht auf den ersten Blick.

"Das Café ist nicht vom Himmel gefallen", sagt Peter Köster. Rheinsbergs Stadtarchitekt nennt den Pavillon am Marstall als Vorbild für den Bau. Auch Anklänge der großen Cafés von Prag und Wien seien in den Entwurf eingeflossen. Moderne Elemente wie die langen Frontfenster oder die Dachform wurden mit diesen Traditionen verwoben.

Seine Charakteristik erhält das Gebäude aber durch seine Innenkonstruktion: Es gibt 75 Plätze. Sie sind aber in drei verschiedene Räume aufgeteilt. "Wenn es nicht so gut besucht ist, wirkt es nicht so gähnend leer", so Köster. Das klassische Café zur Schlossstraße hin besticht durch feine Möbel, eine von Brauntönen dominierte Farbatmosphäre und die Fensterfronten, die auch durch breite Wandspiegel dem Raum eine natürliche Helligkeit geben. Die Leuchten an der Decke sind extra für das Café Claire konstruiert worden.

Ein zweiter Gastraum, der zum Wintergarten führt, hat einen bunt gemusterten Steinfußboden. "Wir haben nur alterungsfähige Naturmaterialien verwendet", sagt Köster. "Was wie Sandstein aussieht, ist bei uns auch Sandstein, was bei uns wie Leinwand aussieht, ist auch Leinwand."

An den Wänden hängen Gemälde-Teller. Sie zeigen antike Sagen-Motive, Europa auf dem Stier zum Beispiel. Kunstschaffende wurden von Anfang an einbezogen. Die Wände am Treppenaufgang hat Ursula Zänker aus Karwe gestaltet: Keramik-Mosaiken bilden Wellen des Sees nach. Der Rheinsberger Karl Fulle hat ebenso Werke beigesteuert.

Viele Grafiken hängen an den Wänden im dritten Raum, der sich im Obergeschoss befindet. Das ist die Bar, die an diesem Wochenende zusammen mit der ihr angedockten Dachterrasse eröffnet wird. Der Boden ist schachbrettartig gefliest. Die Sitzreihe für die Gäste zieht sich lang von der Tür der Dachterrasse zum Tresenende des Raums. Hinter dem Tresen führt noch eine Tür zu einem kleinen, separaten Raum für acht Personen. Auch dort ziehen die Brauntöne, die kunstvoll-antiken Torsos von Sigrid Artes und das schlicht, aber gemütlich wirkende Mobiliar Linien zu den anderen drei Räumen: "Jeder Raum hat seinen eigenen Charakter", sagt Köster. "Und dennoch gibt es keine Brüche - es gehört alles zusammen." Wegen dieses Ziels hat der Bauherr auch einen Betreiber gesucht, der das Café mit seiner kompletten Ausstattung übernimmt - ungewöhnlich in der Branche, denn normalerweise richtet sich der Gastronom ja selbst ein.

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Normal ist für Architekten zu wenig, wenn sie den Menschen etwas Neues, Überraschendes und dennoch Nützliches geben wollen. In Herzsprung sind die 40Menschen, die das bekommen haben, noch sehr klein: ein bis sechs Jahre alt. Anette und Bernd Abel hat beim Neubau der Herzsprunger Kita "Kunterbunt" von Anfang an eine Passivhaus-Konstruktion vorgeschwebt. Doch eine Kommune muss auf die Kosten sehen. Die Gemeinde lehnte ab. Das Paar ließ sich aber nicht beirren, setzte nun auf einen reinen Holzbau, der auch errichtet wurde. "Wir hatten es uns auf die Fahne geschrieben, die Kita mit nachhaltigen Stoffen zu bauen", so Anette Abel.

Drei Gruppenräume sind entstanden, die mit kleinen Zwischenräumen verbunden sind. Die beiden Aufenthaltszimmer der größeren Kinder haben eine Spielempore. Über eine robust wirkende und rutschfeste, mit Plexiglas hinter dem Holzgeländer gesicherte Treppe können die Kinder jeden Tag ihr eigenes kleines Reich für neue Spielabenteuer erobern.

Die breiten Fensterfronten eines jeden Gruppenraums geben den Blick frei auf ein großes Spielplatzgelände. Bei besserem Wetter als am Freitag finden dort die Jungen und Mädchen viel Abwechslung: Wasserspiel, Sandkasten, Wippe, Netzschaukel und viele andere Spielgeräte locken. Auch dieses Reich der ausgelebten Fantasien haben Anette und Abel geschaffen. Vor allem das Trampolin, das, in den Boden eingelassen, so untypisch für Sprungtücher wirkt, sei sofort gestürmt worden, erinnert sich Anette Abel.

Vom Hügel des Spielplatzgeländes aus lässt sich dann der besondere Clou des Hauses gut betrachten: Rosa blüht es auf dem Dach. Es ist Pflanzenbewuchs, der, von Granulat getragen, das Gebäude mit einer von natürlicher Feuchtigkeit durchdrungenen Fläche beschirmt. "Das ist wichtig für die klimatischen Verhältnisse in den Räumen", sagt Bernd Abel. Die gleich bleibend kräftige Nässeschicht sorge dafür, dass sich die Räume nicht so stark aufheizen wie bei einem unbewachsenen Dach. Die Kinder fühlen sich wohler beim Spielen, Essen oder bei der Mittagsruhe. "Das Entscheidende ist letztlich immer die Nutzung", sagt Bernd Abel. Danach müsse sich die Arbeit des Architekten richten.

Dennoch halten sich die Planer beim Entwurf den Blick für Nachhaltigkeit und Ästhetik offen. Die Energie für das Haus wird über eine Luftwärmepumpe gewährleistet, die bei Bedarf durch eine Gastherme unterstützt wird. Und das Auge findet Orientierung im Drei-Farben-Konzept. Der Name der Kita ist Programm, aber ein Durcheinander an Farbtönen haben Abels vermieden. Violett, apfelgrün und orange sind neben dem Weiß der Decken und dem Braun der hölzernen Garderoben und Möbel die Leitfarben. Ob an den Kacheln über den Waschbecken, ob an den Wänden in den Ruhe- und Spielräumen oder an der Fassade sowie selbst den Schriftzug. Die Trias aus Veilchen, Apfel und Orange zieht sich als farbgebender Leitfaden durch den gesamten, einzigartigen Neubau.


■ Café Claire in Rheinsberg, Schlossstraße 4, Architekt Peter Köster aus Rheinsberg, Bauherr Konrad Strauss, geöffnet am 28.Juni, von 13bis 18Uhr, Führungen am selben Tag um 13, 15 und 17Uhr.
■ Kindertagesstätte "Kunterbunt" in Herzsprung, Dorfstraße 19a, Architekten Bernd und Anette Abel, Bauherr Gemeinde Heiligengrabe, geöffnet am 28.Juli, von 13bis 18Uhr, Führungen am selben Sonntag jeweils um 13, 15 und um 17Uhr
■ Kindertagesstätte "Henriettes Schneckenhäuschen" in Menz, Fürstenberger Straße3, Architekt Wolfgang Grassl, Bauherr Amt Gransee, geöffnet am 28.Juli, von 13bis 18Uhr, Führungen am selben Tag um 13, 15 und um 17Uhr

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