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Lastkraftwagen auf Lastenwaagen

Neugierig: Rinse Visserbekam zufällig von der Aktion Wind.
Neugierig: Rinse Visserbekam zufällig von der Aktion Wind. © Foto: MZV/Schönberg
Christian Schönberg / 24.07.2015, 22:38 Uhr
Herzsprung (MZV) Regelmäßig informiert die Polizei Fernfahrer bei einem Stammtisch auf dem Rasthof Herzsprung über alles, was wichtig ist, um sich mit den Mehrfachtonnern sicher auf den Autobahnen zu bewegen. Am Mittwoch legten die Beamten noch eine Schippe drauf. Mit Rauschbrille und Lkw-Waage war mehr als sonst Mitmachen angesagt.

Fernfahrer haben's nicht leicht. Rinse Visser kann ein Lied davon singen. Überall in Europa ist der junge Mann unterwegs. Und wenn er "so far" - "so weit weg" - ist, ruft ihn seine Freundin an und macht ihm Vorwürfe, dass er die schöne Welt erkunden kann, während sie in dem niederländischen Kaff namens Zwolle auf ihn wartet.

Doch jetzt hat sie Ferien und bei dieser Tour ist sie mitgekommen. In Berlin waren sie schon, dann soll es weiter nach Pritzwalk und nach Schwerin gehen, über Hamburg zurück dann in die holländische Heimat. Zwischen der Bundeshauptstadt und der Prignitz-Perle Pritzwalk machen sie Zwischenstopp auf dem Rasthof Herzsprung. Und ungläubig schauen Visser und seine bildhübsche Begleiterin auf dem Beifahrersitz durch die abgedunkelte Scheibe. Was ist denn da los? Da ist ein Infotisch aufgebaut, acht Polizeibeamte stehen dort, Lkw werden auf zwei Metallplatten, die sich als Waagen entpuppen, geführt. So was, denkt sich Visser, hat er noch nie gesehen. Da mache ich mit!

Er spricht kurz mit den Beamten und stellt sich mit seinem Laster an. Als freie Fahrt für ihn herrscht, lotsen ihn Polizeioberkommissar Karsten Weiland auf der einen und Hans Klabunde von der Dekra auf der anderen Seite auf die Waagen. Klabunde gibt Winks auf der Fahrerseite. Der nach oben ausgestreckte Zeigefinger heißt: Fahren. Dann schnellt die ganze Hand flach und geschlossen nach oben, gleichzeitig hört Visser auf der anderen Seite Weilands lautes und lang gezogenes "Stoooopp!" Die Räder der ersten Achse stehen auf beiden Waagen. Weiland notiert 3790 Kilogramm ins Protokoll, Klabunde ruft "Vier-null-zwanzig". Unterschiedliche Lasten auf den Achsen sind das, was die beiden herausfinden wollen, das Thema, für das sie die Fahrer mit ihrer Aktion sensibilisieren wollen. Denn ungleichmäßig verteilte Beladung kann zu einem großen Sicherheitsproblem auf der Autobahn werden.

Klabunde erinnert sich an einen Fall Ende April auf der A19, oben bei Wittstock. Ein Bagger war so auf der Ladefläche festgezurrt worden, dass er nicht annähernd mittig stand. Es kam, wie es kommen musste. Der Lkw-Fahrer geriet in ein unvorhergesehenes Lenk-Manöver. Der hohe Bagger verlagerte den Schwerpunkt weiter an die Peripherie des Lastfahrzeugs und kippte mit einem krachenden Geräusch auf die Fahrbahn. Nur einer von vielen Fällen, die Klabunde den Kopf schütteln lassen. Es geht eben bei der Verkehrssicherheit nicht nur darum, ob Fahrzeuge über-, sondern auch, wie sie beladen sind.

Das Schlimmste, sagt Klabunde, sei, dass in den meisten Fällen nicht einmal die Fahrer oder Spediteure schuld sind, wenn Ladung nicht mittig genug transportiert wird. "Die Defizite gibt es schon bei der Bildung der Ladeeinheiten", sagt der Mann von der Dekra: Das Gut, das zu transportieren ist, wird quasi schon vor Ort falsch zusammengepackt. Und wenn es dann auf die Ladefläche kommt, hat der Fahrer eigentlich keine Ahnung, wie die Gewichte verteilt sein können. Er merkt es dann nur, wenn er mal das Steuer herumreißen muss. Denn bei falschem Schwerpunkt auf der Ladefläche ist "die Lenkfähigkeit beeinträchtigt", wie es Klabunde noch etwas vorsichtig formuliert.

Beim Holländer waren die Werte nach der Prüfung aller Achsen zusammengenommen fast perfekt. Es gibt nur zehn Kilogramm Unterschied zwischen der rechten und der linken Seite des Lastzugs. Rinse Visser lacht und meint mit starkem Rudi-Carrell-Akzent, dass wohl seine Beifahrerin schuld sein muss, dass es überhaupt Gewichtsunterschiede auf den Seiten gibt.

Er habe Fahrräder geladen, sagt er zu den Polizisten, die nur staunend seine Holzpantinen betrachten. Der Mann ist wirklich sehr holländisch, denken sie, und es entspinnt sich ein Gespräch über Klischees, über seine Fahrten und die Offenheit, die der Mann gegenüber den Polizisten und ihrem Angebot an den Tag legt.

Fernfahrer mögen aber durchaus den Kontakt mit den Beamten, wenn es sich mal nicht um Kontrollen, die Bußgelder nach sich ziehen, sondern um Informationsgewinn handelt. Dieter Jelken aus Schleswig-Holstein erzählt jedenfalls, dass er im Radio in Sachsen-anhalt von diesem Sonder-Fernfahrerstammtisch gehört hat und nur deswegen gerade auf dem Rasthof Herzsprung seine Pause für die Nacht einlegt. Im Gegensatz zu Visser, der wohl nicht albern vor seiner Freundin wirken will, setzt er sich die Rauschbrille auf. Das sieht dann ein bisschen so aus, als wenn im Science-Fiction-Film ein fremder, lichtdurchfluteter Planet besucht werden muss, und ein bisschen ist es auch so. Wer die Brille aufhat, lebt in einer anderen Welt - in der des Betrunkenen. Jelken, die Weltraumfahrer-Brille auf dem Kopf, blickt nach unten, tastet sich mit den Füßen einen Kegel-Parcours entlang, macht plötzlich unmotiviert einen Ausfallschritt, dann wieder einen und irgendwann gelangt er zum Schwamm, den er aufheben muss. Die nach unten greifende Hand geht allerdings daneben.

"Etwa so empfinden Menschen mit 0,8 Promille im Blut", sagt ihm Bernd Krümmling von der Polizei-Prävention. 0,8, 0,5, 0,1 - für ihn sei das alles ein "No-go", sagt Jelken. "Ich habe schließlich eine Waffe unter meinem Hintern, wenn ich fahre." Und damit, sagt er zu Krümmling, meine er nicht einen Mehrfachtonner an sich, der auf den Autobahnen eine potenzielle Bedrohung für die vielen kleinen Fahrzeuge ist - Jelken hat Gefahrgut geladen. "Das ist Tetrahydrothiophen", sagt Jelken so sicher, als würde er von "Butterblume" oder "Rinderbraten" sprechen. Tetrahydrothiophen (THT) ist hochentzündlich und so giftig, dass, wenn es ausläuft, Landstriche für lange Zeit verseucht sein können. THT ist aber auch lebensrettend. Denn die Schwefelverbindung stinkt abgründig und lässt sich gut mit Erdgas mischen. Dieses allgegenwärtige, aber auch explosive Energiegemisch riecht nämlich nicht - erst THT lässt die Lebensgefahr austretenden Erdgases erahnen. Deshalb ist dieser Stoff überall auf den Autobahnen der Energieversorger-Republik unterwegs, ohne dass man viel davon weiß.

Doch auch für Fernfahrer wie Eberhard Heinz aus Sachsen, die mit Bauteilen weniger gefährliches Gut transportieren, gilt: 0,0. Einmal, so berichtet der Eilenburger, sei er nach einem Feierabend-Bier in seinem Pkw gestoppt worden. "Den Polizisten kannte ich", erzählt Heinz. Er habe aber pusten müssen. Gerüche trügen eben nicht. "Ich hatte 0,1." Und der Polizist hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er mit der Fahrerlaubnis sein Geld verdiene. "Für diese Firma fahre ich jetzt 19½Jahre", sagt Eberhard Heinz. "Und jetzt sind es noch zwei Jahre, dann ist Schluss." Und diese Zeit bis zur Rente will der rüstige Sachse auch noch - und vor allem sicher - unterwegs sein. Das Feierabend-Bier vor der Heimfahrt lässt er seit jener Episode bis heute sein: 0,0 also auch im Auto. Sicher ist sicher.

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