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Ein Tusch aufs Handwerk

Glückliche Hausbesitzer: Das sind Luise und Götz Bernau. Nicht zuletzt, weil sie in Ulf Dannenberg einen Tischlermeister und Restaurator fanden, der fast wortlos ihre Wünsche verstand. Der Hohenwutzner baute ihnen unter anderem die Haustür und Fenster.
Glückliche Hausbesitzer: Das sind Luise und Götz Bernau. Nicht zuletzt, weil sie in Ulf Dannenberg einen Tischlermeister und Restaurator fanden, der fast wortlos ihre Wünsche verstand. Der Hohenwutzner baute ihnen unter anderem die Haustür und Fenster. © Foto: moz
Mandy Timm / 19.12.2015, 06:26 Uhr
Neumädewitz (MOZ) Hinter jedem Adventstürchen eine Geschichte: Wir haben uns auf die Suche nach interessanten Pforten begeben und geschaut, was sich dahinter verbirgt. Bis Heiligabend öffnen wir jeden Tag eine Tür. Heute die selbstgebaute Haustür von Luise und Götz Bernau

Wenn Luise Bernau morgens durch die Klöntür schaut, sieht sie in Polen, wie nachmittags das Wetter vor ihrer Haustür wird. "Heute wird es gut", bescheinigt sie und lacht, dass es ansteckt. Polen liegt 20 Minuten mit dem Auto entfernt. Dazwischen ist flaches Land, in das sich Bernaus spätestens vor vier Jahren verguckt haben. Da nämlich kauften sie ihr Häuschen in Neumädewitz. Seit dem baut Götz Bernau, der nach dem Violinenstudium seinerzeit der jüngste Konzertmeister der Bundesrepublik war und später viele Jahre die erste Geige bei den Berliner Symphonikern spielte, an seinen vier Wänden. Er hat nicht alles allein gestemmt, sondern Handwerker kennengelernt, auf die er jetzt große Stücke hält. Ulf Dannenberg ist einer von ihnen. "Unglaublich", sagt Götz Bernau, "was er drauf hat, wie präzise er arbeitet." Bernaus wussten ziemlich genau, wie ihr Kleinsiedlerhaus aussehen soll, wenns fertig ist. Die Eingangstür, die links ums Eck war, sollte auf jeden Fall wieder nach vorn, wo sie ursprünglich eingebaut worden war. Der Grundriss des früheren Mittelganghauses sollte so sein, wie einst. Das heißt: Vorn der Flur, der bis zum Hof durchgeht. Rechts und links zur Straßenseite hin jeweils zwei Stuben. Hinten Küche und andere Seite noch ein Berliner Zimmer, in dem Bernaus ihre Gäste empfangen.

Der Eingang spielt nun wieder eine zentrale Rolle. "Das Gesicht des Hauses", wie Ulf Dannenberg sagt. Märkische Kiefer hat er für die Tür verwendet und ein barockgeschwungenes Gitter, dass Bernaus einst auf dem Schrottplatz fanden und nach Kilopreis bezahlten. Das schöne Gitter ist mit Bernaus mitgezogen, wo immer sie länger blieben. Zuletzt war es im fünften Stock einer Berliner Veranda montiert. Die Tür ist mit Öllack überzogen. Ist zwar nicht Öko, blättert dafür aber auch nicht ab.

Götz Bernau schaut zufrieden auf das gute Stück. Was ihn am meisten zum Staunen bringt, ist, dass Tischlermeister Dannenberg fast ohne Worte seine Wünsche verstand. "Wir hatten ja nicht einmal eine Vorlage, wie der Eingang aussah", so Götz Bernau. "Aber wir mussten trotzdem nicht viel sagen. Er verstand einfach, was wir wollten." Das war auch mit den Fenstern nicht anders. Bernaus wollten statt der DDR-Fenster schlichte Kastenfenster, mit doppelten Flügeln. So wie sie früher üblich waren. "Unser Tischler meinte daraufhin, dass die schon seit Jahren niemand mehr verlangt hätte", erinnert sich Bernau. Die Fenster mussten nicht einmal komplett abschotten. "Da sollte ruhig Luft durchziehen", sagt der Musiker. "Ein Haus, ein Mauerwerk braucht doch Luft zum Atmen."

Götz Bernau kann regelrecht ins Schwärmen geraten, wenn er ans regionale Handwerksgeschick denkt. Dass nur Handwerker altes Wissen über die Gestaltung von Türen, Fenster, Zäunen, die typisch im Oderbruch sind, vor dem Vergessenen bewahren und weiterreichen können. Dass einem ein Hobel in der Hand gewissermaßen oft weiter bringt, als ein Computer. "Es gibt so viele gute Handwerker hier haben wir durch unsere Haussanierung gelernt", sagt Götz Bernau. "Das muss man doch mal sagen."

150 Jahre hat das Neumädewitzer Häuschen inzwischen auf dem Buckel. Mindestens. Von 1865 datiert der erste Grundbucheintrag, den Bernaus kennen. Ungefähr so alt ist auch die Siedlung, in der sie leben. Jede Menge Schutt musste hinaus getragen werden, bevor sie innen bauen konnten. Der vordere Teil stand vermutlich Jahrzehnte leer. Hinten, raus zum Hof, lebte eine ältere Dame bis vor zehn Jahren unter einfachsten Verhältnissen. Der einzige Wasserhahn im Haus beförderte nur Kaltes hervor. Einen Abfluss gab's nicht. Aber auch das war gerade bei der älteren Generation nicht unüblich auf dem Land.

Bernaus sind zufrieden mit ihrer Entscheidung, ins Bruch gezogen zu sein. Sie kommen ursprünglich aus Braunschweig, haben die halbe Welt bereist und viele Freunde, eine große Familie. Das Telefon steht selten still bei ihnen. "Wir haben hier doch alles", sind sie sich einig, "was wir brauchen." Und was sie nicht haben, holen sie sich einfach nach Hause.

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