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Schwarze Küche und chinesischer Kang

Mächtig gewaltig: Das ist die schwarze Küche, in die Klaus Stermann uns blicken ließ. Der Abzug reicht bis zum Dachfirst.
Mächtig gewaltig: Das ist die schwarze Küche, in die Klaus Stermann uns blicken ließ. Der Abzug reicht bis zum Dachfirst. © Foto: Johann Müller
Doris Steinkraus / 24.12.2015, 07:10 Uhr
Neuentempel (MOZ) Es sollte ein heißer Advent sein. In unserer Vorweihnachtsserie haben wir Sie dorthin entführt, wo es jetzt am gemütlichsten ist: an den Ofen. Zum Abschluss unserer Serie präsentierte uns Klaus Stermann in Neuentempel gleich mehrere ungewöhnliche Exemplare.

Sie ist das Herzstück des gut 200 Jahre alten Hauses - die schwarze Küche. Drei mal zwei Meter groß ist der Raum, in dem einst die Bewohner über dem offenen Feuer ihre Speisen anrichteten. Nach oben zum Dach verjüngt sich das Bauwerk zu einem Schlot, aus dem der Rauch ins Freie abzog. Es gibt sie kaum noch, weshalb sie grundsätzlich unter Denkmalschutz stehen. Klaus Stermann und seine Frau Dita schreckte das nicht, als sie 1992 zum ersten Mal das kleine unscheinbare Häuschen mitten in Neuentempel in Augenschein nahmen. "Es hat uns vielmehr gereizt", sagt Stermann. Ihr Traum vom Leben auf dem Land war eng mit der Vision von einem Häuschen verbunden, das selbst für Urbanität, Historie und Unverwechselbarkeit steht. Ein Malerfreund hatte zuvor im Haus gelebt und zumindest den Erhalt gesichert. Doch sieben Jahre lang stand es leer, der Sanierungsaufwand war riesig. Das riesige Monstrum von Schwarzer Küche in der Mitte des Hauses mit seinem bis zum Dach reichenden russgeschwärzten Schornstein faszinierte das Paar sofort. "Wir wollten alles original wieder herrichten, aber das ist dann doch nicht ganz gelungen", erzählt der Mann, der in seinem Berufsleben als Akademischer Rat an der Freien Universität Berlin lehrte und dessen Metier die moderne chinesische Hochsprache war. Das Problem zu jener Zeit: Niemand kannte sich mehr so recht mit solchen Konstruktionen und speziell mit Lehmbau aus. Wie sehr Fachwissen nötig ist, erfuhren die Hausherren, als der gesamte Schornsteinschacht - schon fast fertiggestellt - samt der großen Rüstung in sich zusammenfiel. Dass niemand verletzt wurde, sieht der Neuentempler noch heute als kleines Wunder. Für ihn und seine Frau war es Motivation genug, noch einmal zu beginnen.

Heute ist die schwarze Küche ein Wirtschaftsraum mitten im Haus. Sie fungiert wie ein Keller, sichere auch gute Temperaturen, erzählt Klaus Stermann. Zur heutigen Küche und zum Hauseingang hin gibt es jeweils eine Tür. Und noch etwas wurde original erhalten. In zwei der angrenzenden Räume existieren zwei Mini-Kamine, Stermann nennt sie Tabernakel. Das sind Öffnungen, in denen die Bewohner einst Bündelchen mit dünnen Kiefernleisten aufhängten, die sie zur Beleuchtung anzündeten. Denn Strom gab es nicht und die Winterabende waren lang. Kerzen konnten sich nur die Herrschaften leisten. Mitunter wurde auch ein kleines Feuer entzündet, um Mahlzeiten zu wärmen. Die wurden in Töpfen und Blechtassen auf einem Gussgestell platziert oder an Haken über dem Feuer aufgehängt. Ruß und Qualm zogen über eine noch heute erhaltene Öffnung im oberen Bereich direkt in die schwarze Küche.

Dort, wo die Hausfrau heute kocht, zieht eine Kochmaschine von 1906 die Blicke jedes Besuchers auf sich. Vielerorts waren diese Herde nach dem Krieg zu finden. Stermanns hatten ihn bereits in ihrer Berliner Wohnung. Das Besondere an dem Exemplar sind die Verzierungen aus Emaille. Der Herd funktioniert bis heute. In kurzer Zeit wärmt er das halbe Haus.

Im angrenzenden Zimmer steht ein Kachelofen, der die Wirren der Zeit überstand, aber erst wieder funktionstüchtig gemacht werden musste. Der Holzkorb davor ist immer gefüllt. Es gibt im Haus auch eine zentrale Heizung. Doch so oft es geht, werden Kochmaschine und Ofen angefeuert. Man sei damit auch unabhängig, sagt Klaus Stermann. Das sei ihm wichtig. Und gewährt uns einen Blick in das Heiligtum seiner Frau, die als Glasperlengestalterin im Nebengebäude ihre Werkstatt hat. Mit der Feuererungsstätte in diesem Raum dürften Stermanns ein Alleinstellungsmerkmal in der Region haben. Nur Insider dürften einen Kang kennen. Es ist eine Referenz an das Land, das Stermann durch seine Lehrtätigkeit immer wieder bereiste. Der Kang - auch Ofenbett genannt - ist bis heute in vielen Teilen Chinas ein gängiger Gebrauchsgegenstand. Durch ein System von Röhren (kàngdòng) werden gleich mehrere Flächen beheizt.

Im Nordosten Chinas würden so extreme Wintertemperaturen herrschen, dass diese Öfen Tag und Nacht in Gang gehalten werden müssen, da die Menschen sonst erfrieren würden, erzählt Stermann. In Bernd Höger aus Alt Rosenthal fanden sie einst einen Lehmbauer, der nach den Plänen von Dita Stermann einen solchen Ofen für die Werkstatt baute. Sowohl die Sitzfläche vor dem Kang als auch die Schlafstatt im hinteren Bereich sind warm, strahlen viel Gemütlichkeit aus. Ein eingebauter Ziegelstein dient als Revisionsklappe. So gerüstet, kann den Neuentemplern keine Ölkrise etwas anhaben.

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