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Für die Blinden an der Pfeife

Prüfung: Robert Graeske musste im Zuge der Ausbildung für fünf Stunden als "blinder" Mensch seinen Alltag meistern. Nach der Zeit klagte der Neuruppiner über Kopfschmerzen und Übelkeit. Er sprach aber auch von einer tollen Erfahrung.
Prüfung: Robert Graeske musste im Zuge der Ausbildung für fünf Stunden als "blinder" Mensch seinen Alltag meistern. Nach der Zeit klagte der Neuruppiner über Kopfschmerzen und Übelkeit. Er sprach aber auch von einer tollen Erfahrung. © Foto: MZV
Stephan Ellfeldt / 24.06.2016, 22:40 Uhr
Neuruppin (RA) Der Neuruppiner Schiedsrichter Robert Graeske wird zukünftig Partien vom FC St. Pauli, TSV 1860 München oder Chemnitzer FC leiten. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Spiele der Profifußballer in den Vereinen, sondern um die von sehbehinderten Sportlern. Der 33-Jährige hat seine Prüfung zum Unparteiischen im Blindenfußball erfolgreich abgeschlossen.

Bereits vor zwei Jahren entstand die Idee, als Schiedsrichter im Blindenfußball aktiv zu werden. "Doch wegen der Arbeitszeiten war es mir nicht möglich, an den Lehrgängen im April teilzunehmen. In diesem Jahr hat es dann endlich geklappt", freut sich Graeske, der ansonsten für Union Neuruppin als Unparteiischer aktiv ist, über seine erfolgreich bestandene Prüfung in Hannover. Dort versammelten sich vor anderthalb Monaten alle Schiedsrichter des Blindenfußballs zum Lehrgang. "Da war ich neben den bereits aktiven Kollegen der einzige Anwärter." Neben den ganzen etablierten Kollegen musste Graeske die Tests absolvieren und auch praktisch seine Fähigkeiten beweisen. "Es ist nicht so wie bei der normalen Schiedsrichterei. Hier musste ich mir im Vorfeld im Selbststudium die Regeln aneignen. Auf dem Lehrgang wurden sie nur noch abgefragt und im Praxisteil geprüft." Doch damit war es noch nicht genug. "Es gab mit den zwei Mitbegründern der Blindenfußball-Liga sowie dem Obmann der Schiedsrichter noch ein Gespräch, wobei meine Beweggründe für ein Engagement in dem Blindensport erfragt wurden."

Da Graeske auch diese Hürde meisterte und ein Testturnier in Chemnitz leitete, durfte er bereits vor drei Wochen an einem Bundesliga-Spieltag in Stuttgart sein Können beweisen. "Dort läuft alles sehr diszipliniert ab. Der Strafenkatalog bei den Unparteiischen ist straff. Das gesammelte Geld wird dann teilweise gestiftet beziehungsweise für einen gemeinsamen Abend genutzt." An einem Spieltag-Wochenende sind acht Schiedsrichter im Einsatz. Zu einer einzelnen Partie gehören drei. Zwei sind auf dem Spielfeld aktiv und ein weiterer kümmert sich um die sogenannten Guides. Diese geben für vorgegebene Zonen auf dem Feld Kommandos an die Athleten. Einer steht dabei hinter dem Tor für die Offensive und einer seitlich für das Mittelfeldspiel. Vor dem eigenen Kasten coacht der sehende Schlussmann. Dieser ist, wie sein Gegenüber, der einzig nicht sehbehinderte Akteur auf dem Spielfeld in seinem Team.

Als es dann nach zweijähriger Anlaufzeit mit Lern- und Prüfungsstress endlich losging, wurde die Begeisterung bei Graeske noch größer. "Es ist beeindruckend zu sehen, was sie ohne Augenlicht leisten. Ich bereue es bereits, dass ich nicht schon vor zwei Jahren die Zeit für die Ausbildung zum Unparteiischen im Blindenfußball gefunden hatte." Dabei hatte Graeske durchaus Anpassungsprobleme mit der neuen Aufgabe. "Ich dachte zuerst, dass ich besonders behutsam mit den Spielern umgehen muss. Besonders rücksichtsvoll wollen sie aber nicht behandelt werden. Erst nach meinem Debüt-Turnier konnte ich die leichte Scheu ablegen."

Auf dem Feld lässt sich der Blindenfußball keineswegs mit der herkömmlichen Variante der Sehenden vergleichen. Beispielsweise gibt es keine Flanken, so dass Kopfballtore purer Zufall wären. Auch sind die Aktionen mit dem Ball, der mit sechs Rasseln gefüllt, gut hörbar ist, nicht geprägt durch Passspiel. "Man muss dabei genau hinschauen, ob der ausgestreckte Arm zur Orientierung dient oder es ein Foul war. Dazu muss man nach jeder Aktion den Ball zur Lokalisierung schütteln sowie jede Aktion erklären, damit die Spieler die Entscheidungen verstehen", berichtet der Neuruppiner von einer ganz neuartigen Form des Umgang als Unparteiischer mit Spielern. "Dazu sind sie absolut fair. Wenn sie sich umlaufen, was oft passiert, dann stehen sie einfach wieder auf."

Perspektivisch soll es für den 33-Jährigen noch auf das internationale Parkett gehen. Die Europameisterschaft 2017 in Berlin ist fest eingeplant.

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