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Zeiten des Wandels

Zu Hause in Werbellin: Jürgen Nicodem und Cindy Panzer sitzen auf einer Bank an der Dorfstraße. Hinter ihnen ist das alte, baufällige Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr zu sehen. Daneben soll noch in diesem Jahr ein neues Depot entstehen.
Zu Hause in Werbellin: Jürgen Nicodem und Cindy Panzer sitzen auf einer Bank an der Dorfstraße. Hinter ihnen ist das alte, baufällige Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr zu sehen. Daneben soll noch in diesem Jahr ein neues Depot entstehen. © Foto: MOZ/Simon Rayß
Simon Rayß / 12.03.2017, 05:58 Uhr
Werbellin (MOZ) Jürgen Nicodem und Cindy Panzer gehen die Übergabe des Amtes geduldig an. Schon seit drei Jahren arbeiten der Ortsvorsteher und seine Nachfolgerin Hand in Hand. Doch die Bekanntschaft der beiden Werbelliner reicht noch weit länger zurück.

Die 18-jährige Schülerin schreibt eine Arbeit über ihren Heimatort. Für den Geschichtsunterricht. Es soll um die Entstehung von Werbellin gehen. Gemeinsam mit dem 59-jährigen Bürgermeister wühlt sie sich durch Berge von Unterlagen, macht auch die Gründungsurkunde ausfindig. Die fertige Arbeit kommt gut an: Die Schülerin bekommt eine Eins dafür.

21 Jahre später sind Cindy Panzer und Jürgen Nicodem noch immer Nachbarn. Nicht nur das: Dieser Tage übernimmt sie seinen Posten als Werbelliner Ortsvorsteher. Ein Übergang, der fließend vonstatten geht: Bereits 2014 hat Panzer bei der Wahl die meisten Stimmen bekommen. "Da haben wir eine Vereinbarung getroffen", sagt Nicodem: "Cindy sollte den Job kennenlernen und sehen, ob er zu ihr passt."

Drei Jahre sind mittlerweile vergangen und Cindy Panzers Zwischenfazit fällt positiv aus: "Bis jetzt ließ sich alles vereinbaren", sagt sie - die Arbeit im Jobcenter Eberswalde, das Ehrenamt, das Leben mit Mann und Kind. Langweilig wird es ihr sicher nicht.

Das gilt genauso für Jürgen Nicodem, der im Januar seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Nach 27 Jahren im Dienst der Gemeinde - unter anderem als Vorsitzender der Gemeindevertretung, Werbelliner Bürgermeister, ältester Ortsvorsteher, der noch im Dienst ist - soll im kommenden Jahr Schluss sein. "Bis 2018 mache ich noch, dann ist wirklich Feierabend", sagt er.

Bereits am 1. Februar hat die offizielle Amtsübergabe an die neue Ortsvorsteherin stattgefunden. Doch bis zum kommenden Jahr will sich Nicodem noch im Hintergrund bereithalten und Termine übernehmen, zu denen es seine Kollegin nicht schafft.

Nein, über Leerlauf wird sich Nicodem auch dann nicht beschweren können, wenn er das Ehrenamt tatsächlich ruhen lässt. "Haus, Hof, Grundstück, Garten - da gibt's immer was zu tun", sagt er. Auch sein liebstes Hobby will er nicht aufgeben: "Ich bin noch gut zu Fuß", erklärt Nicodem, "ich werde die Jagd weiterführen."

Seit knapp 25 Jahren leitet er die Jägerschaft Schorfheide - nur eines seiner vielen Betätigungsfelder. So hat er den Schorfheider Verein des Landschaftspflegeverbands und den Ortsverein der SPD mitgegründet sowie den Anglerverein "Hecht" Werbellin aus der Versenkung geholt. Dabei ist der gebürtige Berliner, der in Mecklenburg-Vorpommern aufwuchs, von Hause aus Diplomlandwirt. Er war in der Aufbauleitung im SVKE tätig, zeitweise auch Aufbauleiter der Naturwacht Brandenburg und hat generell "viel in der grünen Branche gearbeitet", wie er sagt.

In Werbellin lebt Jürgen Nicodem mittlerweile beinahe ein halbes Jahrhundert lang: "Ich bin jetzt 45 Jahre hier und immer noch ein Zugezogener", konstatiert er und lacht. Cindy Panzer hingegen bezeichnet sich selbst als "Eingeborene". Trotz der neuen jungen Bewohner, die der Schorfheider Ortsteil in den vergangenen Jahren begrüßen durfte, sieht sie viel Arbeit vor sich: "Der Zusammenhalt im Dorf geht immer weiter zurück", erklärt die Ortsvorsteherin, die jahrelang im Eberswalder Wahlkreisbüro der Linken gearbeitet hat. "Wir müssen die jungen Familien mit ins Boot kriegen."

Dafür ist ihr zufolge der Dorfgemeinschaftsraum unerlässlich, der in diesem Jahr entstehen soll - gemeinsam mit einem neuen Feuerwehrdepot, einem Platz zum Feiern und zum Spielen. "Jetzt warten wir nur noch auf den Baustart", sagt sie.

Das ist das wichtigste Projekt, das Cindy Panzer von ihrem Vorgänger erbt. Der hat in seiner Zeit als Werbelliner Bürgermeister und Ortsvorsteher viele große Vorhaben geschultert. So hat er zum Beispiel die Herrichtung der Gemeinde in den 90er-Jahren fertiggestellt und die Anbindung an den Radweg zwischen Eberswalde und Altenhof erkämpft. Doch am liebsten erinnert sich Nicodem an die 250-Jahrfeier von 1998. "Das war mein größtes und schönstes Erlebnis", sagt er. "Da haben wir richtig was auf die Beine gestellt."

Und wer weiß? Vielleicht kommt ja eines Tages ein Schüler zu Cindy Panzer, um die Dorfchronik fortzuschreiben - mitsamt einem Kapitel über die Amtszeit ihres Vorgängers.

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