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Studenten der Humboldt-Universität erforschen das Oderbruch / Austausch und Exkursion mit Zeitzeugen

Durch Raum und Zeit

Erinnerungen an damals: Neuentempels Ortsvorsteher Bernd Baier zeigt Lydia Icke-Schwalbe und Ute Mohrmann (v.r.) Fotos von vor 50 Jahren. Ganz links HU-Studentin Carolin Loka
Erinnerungen an damals: Neuentempels Ortsvorsteher Bernd Baier zeigt Lydia Icke-Schwalbe und Ute Mohrmann (v.r.) Fotos von vor 50 Jahren. Ganz links HU-Studentin Carolin Loka © Foto: MOZ/Josefine Jahn
Josefine Jahn / 30.05.2017, 07:30 Uhr
Neuentempel (MOZ) Junge Berliner betreiben Feldforschung auf dem Land. Auf einer Exkursion durch Neuentempel, Friedersdorf und Golzow suchen Studenten der ethnologischen Fakultät der Humboldt-Universität (HU) nach Rudimenten von Bodenreform und LPG.

Freundlich wird die Gruppe Radfahrer in Neuentempel von Ortsvorsteher Bernd Baier und dessen Frau empfangen. Im April vergangenen Jahres bekam das Ehepaar spontanen Besuch von drei Frauen. Leonore Scholze-Irrlitz, Leiterin der Landesstelle Berlin-Brandenburgische Volkskunde, Maria Hetzer, Dozentin am Institut für Europäische Ethnologie der HU, und Lydia Icke-Schwalbe waren, mit Feldforschungsdokumenten aus den 1960-er-Jahren, angereist und klingelten an der Haustür. "Diese zwei Hefte sind der Ausgangspunkt dafür, dass wir hier heute alle zusammen sitzen", sagt Lydia Icke-Schwalbe, die für das Treffen am vergangenen Wochenende aus Dresden angereist war, ihre Notizen im Gepäck. Auf ihre Arbeiten sowie die ihrer Kollegin Ute Mohrmann waren Maria Hetzer und Leonore Scholze-Irrlitz im Archiv gestoßen. Die zwei älteren Frauen waren einst selbst Studenten an der HU und betrieben zwischen 1958 und 1961 Feldforschung im Oderbruch. Ihre Aufzeichnungen erzählen etwa von Ernteeinsätzen, die sie damals begleiteten. "Das war damals obligatorisch. Wir hatten die Möglichkeit, den Einsatz mit Feldforschung zu verbinden und blieben über die Erntezeit hinaus in der Region", erinnert sich Ute Mohrmann, die heute in Bad Saarow lebt. "Zur LPG-Gründung hatten wir in der Gruppe unsere Meinung. Wir haben die Probleme miterlebt und ein gutes Verhältnis zu den Landwirten gehabt, zur LPG letztlich auch", ergänzt sie.

"Wo kaufen Sie ein?", will einer der Studenten aus Berlin von Bernd Baier, Neuentempels Ortsvorsteher, bei einem Ortsdurchgang wissen. "In Seelow", gibt er zur Antwort, das sei ja nicht weit weg. Die Landwirte damals, wie etwa die selbstständigen Bauern Markgraf, konnten sich weitestgehend selbst versorgen. "Ab 1936 besaßen sie eine elektrische Bindemaschine", liest Lydia Icke-Schwabe aus Aufzeichnungen vor, die sie vor beinahe 50 Jahren notiert hat. Darin steht auch, dass die Arbeit von vier bis sieben Uhr verrichtet wurde. "Vier Uhr morgens bis sieben Uhr abends?", fragt ein Student ungläubig. "Ja, das klingt für uns heute wie ein historisches Märchen", bestätigt Leonore Scholze-Irrlitz. Gemeinsam mit Maria Hetzer begleitet sie die Studenten von heute, die in einem Einjahresprojekt das Oderbruch vor dem politisch-geschichtlichen Hintergrund erkunden wollen. Dafür sind die Erfahrungen und Berichte von Lydia Icke-Schwalbe und Ute Mohrmann sehr hilfreich, sagt Maria Hetzer. "Wir werden mit den Frauen in Kontakt bleiben." Die Studenten kommen in den nächsten Monaten immer wieder nach Neuentempel, Friedersdorf und Golzow, um mit Anwohnern zu sprechen, sich "aus deren Geschichten heraus die Gegenwart zu erarbeiten", sagt Maria Hetzer.

Mit Golzows Bürgermeister Frank Schütz sprach die Gruppe bereits über Probleme der Gegenwart: Mobilität, Arbeitslosigkeit, Wegzug junger Leute. "Da erschließt sich dann der Blick auf die Umgebung von heute, den man wiederum in Bezug zur Vergangenheit setzen kann", so Maria Hetzer. Beim Abendbrot in Golzow gab es Anekdoten aus den 1960-er Jahren, es ging um den Umgang der Jugendlichen untereinander. "Und am nächsten Tag konnten unsere Studenten erzählen, was sie hier auf einer Jugendweihe erlebt haben", sagt die Dozentin. "Die Dynamiken junger Berliner mit der Dorfjugend von damals und heute, da geht es vor allem um Respekt und Achtung."

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