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Experimentelle Kunst in Zernikow: Natürlich absurd

Nicht nur Dekoration: Die E-Gitarre bereicherte ebenso wie zahlreiche andere Klangerzeuger den Klangkosmos der Computer-Sphären, die auch Christoph de Babalon schuf.
Nicht nur Dekoration: Die E-Gitarre bereicherte ebenso wie zahlreiche andere Klangerzeuger den Klangkosmos der Computer-Sphären, die auch Christoph de Babalon schuf. © Foto: MZV
Thomas Pilz / 31.07.2017, 07:05 Uhr
Zernikow (GZ) Die idyllisch gelegene Zernikower Mühle lag am vergangenen Wochenende mal nicht "weitab vom Schuss" - das Refugium unter anderem des Künstlers Robert Schalinski entwickelte sich bei sommerlichen Temperaturen zum kreativen Schmelztiegel der gesamten Region. Dort fand das avantgardistische NNOI-Festival statt. Wobei NNOI gleichsam unerklärlich bleiben muss wie auch viele der Aufführungen während des Festivals, dessen Leitmotiv selbstbewusst schräg lautete: "Festival fuer 12,756 Tonmusik, Obskure Lehren & Organ der Weltbauchrednerloge".

Mit anderen Worten: Kurt Schwitters und seine Dada-Gefährten wären willkommene Ehrengäste der Zernikower Kreativ-Müller gewesen. Eigene Beiträge hätten sie mit Sicherheit abliefern können. Beiträge, die wie die aktuellen vor allem eines waren: außerordentlich frei und kreativ.

Zu nennen wären Schalinski selbst, aber auch die Legende der Szene: Frieder Butzmann, einer der wichtigsten deutschen Akustik-Experten und Hörspiel-Avantgardisten sowie früherer musikalischer Partner von FM Einheit, der bei den Einstürzenden Neubauten trommelte.

Dadaismus in Reinkultur präsentierte der Autor Michael Barthel, der hintersinnige und bisweilen sinnfreie Texte mit virtuosen Wortspielereien vortrug.

Faszinierend verrätselt die Performance-Künstlerin Alice Kemp, die mit ihrem Vortrag - nonverbal und nongestisch - als eine vollkommen schwarz verhüllte Nährmutter für Gänsehaut, nachdenkliche Gesichter und Staunen sorgte.

Geradezu ideal an die Idylle des Sommerabends schmiegten sich dagegen die Klänge an, die Christoph de Babalon digital zusammenmixte. In weiche und sphärische Klangteppiche wurden immer mehr atonal anmutende Störgeräusche eingewebt, bis nach etwa einer halben Stunde synthetisches Getrommel losbrach und an den Berliner Berghain denken ließ.

Bereichert wurde das mitunter surreal anmutende Spektakel inmitten natürlicher Harmonie von internationalen Gästen. Sie waren aus Island, den USA, Mexiko und Großbritannien angereist, manch einer der Performer wohl eher aus dem inneren Exil. Sie einte allerdings eine im Alltag fast verlorene Toleranz des kreativen Arbeitens Anderer. Was sich auf die Atmosphäre am Polzow-Fließ spielerisch übertrug, die alsbald von Offenheit und Aufgeschlossenheit geprägt war. Prätentiöse Gebahren, Eitelkeit und Arroganz hatten während des NNOI-Festivals keine Chance - das lässt hoffen, es werde im Juli 2018 eine Neuauflage des nachdenklich stimmenden Spektakels geben.

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