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Bekannter TV-Privatdetektiv und Coach im Seminar mit Freienwalder Oberschülern / Seine Initiative "Camp Stahl" findet inzwischen viele Unterstützer

Coaching
Carsten Stahl kämpft gegen Mobbing an Schulen

Gehen offen mit dem Thema "Mobbing an Schulen" um: Kim Lembke (l.), Lilly Jander (2. v. l.), Angela Hannemann, Schulleiterin der Oberschule in Bad Freienwalde, Simon Pöplow (r.) und Jonas Lehnshack (2. v. r.) mit Coach Carsten Sta
Gehen offen mit dem Thema "Mobbing an Schulen" um: Kim Lembke (l.), Lilly Jander (2. v. l.), Angela Hannemann, Schulleiterin der Oberschule in Bad Freienwalde, Simon Pöplow (r.) und Jonas Lehnshack (2. v. r.) mit Coach Carsten Sta © Foto: MOZ/Heike Jänicke
Heike Jänicke / 14.10.2017, 10:25 Uhr
Bad Freienwalde (MOZ) Er ist authentisch, holt die Kinder dort ab, wo es sie berührt - im Herzen. Carsten Stahl, der bekannte TV-Privatdetektiv, hat jetzt an der Kretschmann-Oberschule mit "Camp Stahl" Station gemacht und offen mit Schülern und Lehrern über Mobbing in der Schule diskutiert.

Wer es versucht, scheitert. Diesem Mann kann sich niemand entziehen. Jedes Wort sitzt, jedes Argument passt. Aus jedem Satz spricht Leidenschaft. Carsten Stahl - er ist groß und vor allem muskulös. Mehrere Tattoos blitzen unter seinem grauen Sweatshirt an Hals und Armen hervor. An der rechten Hand trägt er einen silbernen Ring. Er zeigt ein Kreuz in der Mitte. Sieht so jemand aus, der mit Schülern über solche Themen wie Mobbing, Gewalt, Drogen und Kriminalität reden kann? Ja!

Zum Abschluss seines Aufenthaltes im Rahmen der Anti-Mobbing-Initiative "Camp Stahl" trifft er sich am Donnerstag noch einmal mit den 156 Schülern, die daran freiwillig teilgenommen haben, den Lehrern und der Schulsozialarbeiterin Jeanette Pietsch im Schülerclub der Oberschule. "Hallo Carsten", ruft der eine oder andere Schüler dem Coach zu, so, als sei er ein guter Bekannter, Freund oder großer Bruder. Der grüßt zurück, während er sich unterhält. Karteikarten werden unter den Schülern verteilt. Darauf soll jeder einen Wunsch notieren. Einen realistischen, "das was Ihr Euch für Eure Schule wünscht", sagt Stahl mit kräftiger Stimme. "Keine Grütze!" Einer der Jungs formuliert diesen Wunsch mit zwei Worten: "Kein Mobbing."

Genau darum geht es Carsten Stahl. Er selbst hat auf der Straße schlimme Dinge erlebt, als Täter und Opfer. Er weiß, wie er in einem Interview zu seinem gerade auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellten Buch "Du Täter - Du Opfer" sagt, was Mobbing mit der Seele macht. "Er kann Menschen in den Selbstmord treiben und hat sogar zu Amokläufen geführt - auch in Deutschland." In Winnenden am 11. März 2009 und zuletzt im vergangenen Jahr in München.

Dem will der Coach mit seinem "Camp Stahl" entgegenwirken. Bewusst setzt er in der Schule an, auch wenn er weiß, dass er damit ein Tabu-Thema in der Gesellschaft anspricht. An jeder Schule gebe es Mobbing, zunehmend Cyber-Mobbing, sagt Stahl, doch die wenigsten sprechen darüber, vertuschen es. Deshalb ist er froh, dass Angela Hannemann, die Leiterin der Erna- und Kurt-Kretschmann-Oberschule, das Tabu zumindest für ihre Schule bricht und gegenüber dieser Zeitung zugibt: "Ja, wir haben ein Problem mit Mobbing an unserer Schule. Aber wir gehen offen damit um und tun etwas dagegen. Denn nichts ist schlimmer, als nichts zu tun", sagt sie und ist überzeugt, dass das "Camp Stahl" eine Tür bei den Schülern geöffnet hat. Es war Bestandteil des "Tages der Gemeinschaft - gemeinsam sind wir stark" an der Schule. Schon einen Tag nach dem Seminar habe sie gespürt, dass bei den Kindern etwas passiert sei, sie sich geöffnet und miteinander geredet hätten, meint Angela Hannemann.

Diesen Eindruck vermitteln auch Kim Lembke, Lilly Jander, Simon Pöplow und Jonas Lehnshack. Sie sind 13 und 14 Jahre alt. Mobbing ist für sie nichts Neues. "Es gibt zu viele Schüler bei uns, die gemobbt werden", gibt Lilly Jander zu, ohne dass sie selbst schon einmal in eine solche Situation gekommen sei. "Meistens wegen Markenklamotten", ergänzt ihre Mitschülerin Kim Lembke, die, wie sie berichtet, an der Grundschule gemobbt worden sei und daher wisse, wie es ist, ausgestoßen zu sein.

Bei diesem Gefühl setzt Carsten Stahl mit seiner Initiative an. "Mobbing muss aufhören und endlich ernst genommen werden, denn es geht um die Zukunft unserer Kinder. Kein Kind sollte mit Angst oder Wut zur Schule gehen müssen", sagt der Coach und brennt leidenschaftlich dafür, möglichst viele dafür zu begeistern, sich ihm anzuschließen und gegen Mobbing an Schulen zu kämpfen. Anfangs sei er nicht ernst genommen, gar belächelt worden. Er ist kein Psychologe, kein Pädagoge. Aber er hat die Fähigkeit, Menschen zu begeistern, sie im Herzen zu berühren. Weil er ehrlich ist, aus seinem Leben kein Geheimnis macht und die Sprache der Schüler spricht. Das haben, wie Stahl stolz sagt, inzwischen viele erkannt. Vor allem aus der Politik, sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Dazu gehören unter anderem Christian Lindner (FDP) und Peter Tauber (CDU). Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) bekennt sich zu "Camp Stahl". In einem Schreiben vom 11. Oktober teilt die Staatskanzlei Potsdam Carsten Stahl mit, dass Dietmar Woidke die Schirmherrschaft für das Motivationscamp vom 16. bis 20. Oktober in Brandenburg an der Havel übernimmt. Und die Schulpsychologen der Berliner Senatsverwaltung für Bildung und Jugend bringen es in ihrer Einschätzung auf den Punkt: "Der konfrontative Ansatz verbunden mit einem beeindruckenden Charisma aus leidvollen persönlichen Lebenserfahrungen und daraus abgeleiteten aktuell gelebten Grundwerten prägen das Credo von Camp Stahl."

Kommentar

Mobbing an Schulen ist trauriger Alltag. Laut einer PISA-Studie wird fast jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von teils massivem Mobbing an seiner Schule. Doch darüber sprechen die wenigsten. Die meisten schweigen, verdrängen es. Mobbing ist noch immer ein Tabu-Thema.Dabei geht es um unsere Kinder, die sich Ausgrenzung, Anfeindung, körperlicher und seelischer Gewalt, zunehmend auch über die sozialen Netzwerke, gegenüber stehen, mit Selbstzweifeln kämpfen und sich im schlimmsten Fall mit Selbstmordgedanken tragen.Gut, dass es solche Initiativen wie die von Carsten Stahl gibt. Damit bricht er das Schweigen. Dabei geht es ihm darum, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen und nicht darum, wer ihn hineingefahren hat. "Das waren wir alle, weil wir weggeschaut haben", sagt er.Dass sein Konzept ankommt, das zeigt das steigende Interesse an seiner Initiative "Camp Stahl" und seiner Art, Werte zu vermitteln. Er begegnet den Schülern auf Augenhöhe, spricht ihre Sprache. Das kann er. Nicht weil er es studiert hat, sondern weil es ihn das Leben gelehrt hat. Er war selbst Täter und Opfer. Heike Jänicke

Schweigen brechen

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