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Reinhard May rekonstruierte in mehreren Jahren die Entwicklung örtlicher Bauernfamilien seit 1620

Erforscht
Ruhlsdorfer Stammbäume

Fünf Tafeln: Das Heimatmuseum zeigt die Familien-Stammbäume, die Reinhard May nach den Eintragungen in den Kirchenbüchern zusammen getragen hat.
Fünf Tafeln: Das Heimatmuseum zeigt die Familien-Stammbäume, die Reinhard May nach den Eintragungen in den Kirchenbüchern zusammen getragen hat. © Foto: MOZ/Olav Schröder
Olav Schröder / 29.10.2017, 07:00 Uhr
Ruhlsdorf (MOZ) Nicht weniger als 33 Stammbäume von Ruhlsdorfer Bauern- und Kossätenfamilien aus der Zeit von 1620 bis 1960 hat der 79-jährige Reinhard May erforscht. Das Ergebnis dieser weithin einmaligen historischen Arbeit wird auf fünf Tafeln im Ruhlsdorfmuseum ausgestellt.

Es sind die Blankenburgs und Lützows, die Seegers, Fahrendholz' und viele andere Familien, die über Jahrhunderte Ruhlsdorf geprägt haben und deren Genealogie im Informationsraum des Museums verfolgt werden kann. Das Interesse an den Ruhlsdorfer Stammbäumen geht auf einen Kriminalfall zurück, wie Reinhard May berichtet. Schon seine Mutter habe von "Büttners Totschlag" berichtet. Der Fall geht auf das Jahr 1884 zurück, als ein ehemaliger Knecht die Kossätenfamilie Büttner überfällt und die Bäuerin Ernestine tötet. Reinhard May erforschte Fakten zu diesem Totschlag. Heute liegt auch ein packendes Buch von Carsten Zehm über diesen Kriminalfall vor, das nicht zuletzt in Ruhlsdorf für Furore sorgte und viel Zuspruch findet. Das Interesse von Reinhard May an der Erforschung der Ruhlsdorfer Familiengeschichten ließ ihn aber nicht mehr los.

Vor mehr als sechs Jahren begann er damit, in Kirchenbüchern nachzuforschen. Da Ruhlsdorf über Jahrhunderte hinweg ein Bauerndorf war - auch heute gibt es noch drei landwirtschaftliche Familienbetriebe im Ort - , beschränkte er sich auf die Entwicklung der Bauern- und Kossätenfamilien. Bei letzteren handelt es sich um Kleinbauern, die noch einer Nebentätigkeit zum Beispiel als Schmied oder Gastwirt nachgehen. May wurde natürlich vor allem in den Ruhlsdorfer Kirchenbüchern bis 1730 fündig, aber auch in Klosterfelder Büchern bis 1630. Als er die wertvollen Zeitdokumente sichtete, trug er dünne Handschuhe, um das Papier nicht zu beschädigten. Er fand die Eintragungen über Geburten und Sterbefälle, Eheschließungen und teilweise auch Konfirmationen. "Das Entscheidende ist, dass bei den Geburten die Eltern und bei Sterbefällen die Hinterbliebenen genannt werden", erläutert er. Auf diese Weise können die Stammbäume der Bauernfamilien rekonstruiert werden.

Möglich wurde dies aber nur, weil May die Kunst beherrscht, auch die alten, sütterlin-ähnlichen Handschriften entziffern zu können. So übertrug er die Register zunächst handschriftlich, um die Namen später in den Computer einzugeben. Auf diese Weise entstanden unzählige Manuskriptseiten, die die jahrhundertealten Angaben in den Kirchenbüchern auch für kommende Generationen ohne Probleme verfügbar machen.

Um aus den chronologisch geordneten Eintragungen in den Kirchenbüchern tatsächlich Familienstammbäume rekonstruieren zu können, schnitt May die Namen aus und ordnete sie auf einer sechs Meter langen Papierrolle an. Schritt für Schritt entstanden aus den Namen die Stammbäume. Sowohl die Papierrolle als auch die Manuskriptseiten, die noch weit mehr Informationen enthalten als auf den Tafeln dargestellt werden können, will Reinhard May dem Heimatmuseum zur Verfügung stellen.

Für den Ortschronisten und Pfarrer a.D. Werner Schröer stellt Mays Leistung einen unermesslichen Schatz dar. Ihm ist nicht bekannt, dass auf ähnliche Weise die Geschichte eines Dorfes zur Darstellung gebracht wird.

Frank Lützow hatte für Holzrahmen der Tafel im Museum gesorgt, Annett Klingsporn für die grafische Aufbereitung. "Die Tafeln schlugen ein, wie eine Bombe", berichtet Reinhard May, nachdem einige Ruhlsdorfer die Stammbäume in Augenschein genommen haben. Und die Schlussfolgerungen sind verblüffend. May berichtet, dass einige Ruhlsdorfer Verwandschaftsverhältnisse wieder entdeckten, die in frühere Jahrhunderte zurückreichen und von denen sie nichts mehr gewusst hatten. In einem anderen Fall konnte belegt werden, dass eine Namensgleichheit nur zufällig besteht, es sich jedoch um verschiedene Familien handelt. Es gibt kurze und lange Stammbäume. Manche Familienzweige enden im Krieg.

Es gibt mehrere Gründe, weshalb ein Stammbaum ausläuft. Entweder blieb ein Zweig kinderlos oder der Bauernhof wurde aufgegeben. 1960 endet die Gesamtdarstellung. Zu diesem Zeitpunkt waren alle landwirtschaftlichen Betriebe in Ruhlsdorf in die LPGs aufgegangen.

Terminvereinbarung für einen Besuch der Informationsstube bei Ortschronist Werner Schröer unter der Telefonnummer 03339 570465.

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