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Drastische Preiserhöhungen bei der Awo schockieren Senioren und ihre Angehörigen

Heimplatz als Kostenfalle

Des einen Freud ist des anderen Leid: Lohnerhöhungen für Pflegekräfte?bescheren Senioren höhere Ausgaben.
Des einen Freud ist des anderen Leid: Lohnerhöhungen für Pflegekräfte?bescheren Senioren höhere Ausgaben. © Foto: dpa/Daniel Karman
Mathias Hausding / 11.12.2017, 19:18 Uhr - Aktualisiert 11.12.2017, 20:52
Potsdam (MOZ) Drei Awo-Verbände in Brandenburg haben drastische Preiserhöhungen für ihre Seniorenheime angekündigt. Für viele Bewohner und ihre Angehörigen sind die zusätzlichen Kosten ein Schock. Pflege-Experten kritisieren indes die Sorglosigkeit der Politik, aber auch der Bürger im Umgang mit dem Thema.

Die Mutter von Dario Ritschel aus Strausberg ist seit vielen Jahren dement und lebt mit der höchsten Pflegestufe in einem Awo-Heim in Märkisch-Oderland. Bislang zahlt die Pflegekasse für den Platz rund 2000 Euro pro Monat, hinzu kommen von der Familie 1350 Euro. Ab Februar nun soll der Anteil der Familie um 500 Euro steigen, weil die Pflegekräfte deutlich mehr Geld bekommen.

Das erfuhr Dario Ritschel vor einigen Tagen bei einer Versammlung, zu der der Awo-Bezirksverband Brandenburg Ost geladen hatte. Ähnliche Termine gab es auch in der Uckermark. "Der Unmut war groß, nicht nur bei mir", erzählt der 54-Jährige. "Ich bin Straßenbahnfahrer. Ich verdiene nicht genug, um das bezahlen zu können." Und es könne ja wohl nicht sein, dass er seine eigene Altersvorsorge aufgeben müsse, um das Geld aufzubringen.

Auf der Awo-Versammlung habe man ihm gesagt, dass sich die Familie um Hilfe vom Sozialamt bemühen könne. Aber das leuchtet Dario Ritschel auch nicht ein. "Soll jetzt ein ganzes Heer neuer Sozialhilfeempfänger entstehen, damit Heimplätze bezahlt werden können?" Ritschel betont, dass er den Pflegekräften das bessere Gehalt gönne. In seinen Augen müsse der Staat einspringen. "Bei Milliardenüberschüssen im Haushalt sollte etwas für die Pflege übrig sein."

Vom jetzigen Tarifabschluss zwischen drei Awo-Verbänden in Brandenburg und der Gewerkschaft Ver.di sind allein in Märkisch-Oderland neun Heime betroffen. Fast acht Jahre hat man miteinander gerungen, deshalb jetzt der große Sprung. Für Berufseinsteiger erhöht sich das monatliche Einkommen von knapp 2100 auf 2500 Euro, für erfahrene Mitarbeiter von 2300 auf fast 3000 Euro. Auch Azubis werden deutlich besser gestellt.

Die Awo ist mit diesen Löhnen kein Vorreiter, manche kirchliche Träger zahlen bereits seit längerem mehr. Für rund zwei Drittel der Heime im Land gelte indes laut Ver.di-Verhandlungsführer Ralf Franke kein Tarifvertrag.

Kati Karney, Vize-Chefin des Awo-Bezirksverbands Brandenburg Ost, ist überzeugt, dass bei den Gehältern "alle Heimbetreiber schnell nachziehen werden". Wer es nicht tue, stehe bald ohne Mitarbeiter da, weil sie sich woanders bewerben. Die Sorgen der Angehörigen könne sie verstehen. Der Tarifabschluss sei überraschend und kurzfristig zustande gekommen. "Wir holen uns jetzt die Prügel ab, dabei machen wir nicht die Gesetze", sagt Kati Karney. Die Verantwortlichen würden das Thema aussitzen. "In Märkisch-Oderland gibt es so viele ältere Menschen. Gerade eine rot-rote Landesregierung müsste sich doch für sie stark machen. Das passiert aber nicht." Während das Land Berlin just am Montag einen "Pakt für Pflege" ankündigte und dafür mit Blick auf die Löhne alle Akteure an einen Tisch bittet, fehle eine solche Initiative in der Mark.

Auch Awo-Landeschefin Anne Baaske sagt: "Das Brandenburger Sozialministerium blendet die Pflegeproblematik seit Jahren komplett aus." Sie erinnert jedoch auch daran, dass die Pflegeversicherung eben nur eine Teilkasko sei, deren Beiträge seit Jahrzehnten nicht den steigenden Bedarfen angepasst worden seien. "Jeder ist aufgerufen, privat vorzusorgen."

Das Sozialministerium in Potsdam erklärt auf Nachfrage, dass sich das Land seit Jahren auf Bundesebene für Verbesserungen bei der Pflege einsetze und diesen Kampf fortsetzen werde. Sylvia Lehmann, SPD-Sozialexpertin im Landtag, zeigt sich erfreut, dass gute Arbeit im Pflegebereich nun besser entlohnt werde. In ihren Augen sei eine ehrliche Diskussion nötig, wie Kostensteigerungen aufzufangen sind. "Die SPD schlägt vor, dafür auch Steuergeld zu verwenden."

Pflegekosten-Vergleich der AOK: www.pflege-navigator.de

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