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Achtklässler der Kleist-Oberschule präsentieren Ergebnisse ihrer "Spurensuche" in Güldendorf

Spurensuche
Ausgebeutet und abgeschoben

Auf Spurensuche: Lisa Marie Boreck, Jochen Franz Aßmann und Calvin Tetzlaff (von rechts) aus der Klasse 8a der Kleist-Oberschule präsentieren die Ergebnisse ihres Geschichtsprojektes.
Auf Spurensuche: Lisa Marie Boreck, Jochen Franz Aßmann und Calvin Tetzlaff (von rechts) aus der Klasse 8a der Kleist-Oberschule präsentieren die Ergebnisse ihres Geschichtsprojektes. © Foto: René Matschkowiak
Sonja Jenning / 15.12.2017, 07:30 Uhr - Aktualisiert 15.12.2017, 21:42
Güldendorf (MOZ) Ein halbes Jahr setzte sich die Klasse 8a der Kleist-Oberschule im Rahmen des Projektes "Spurensuche" der Arbeiterwohlfahrt mit der Geschichte des Krankensammellagers Güldendorf und seiner Insassen auseinander. In dieser Woche präsentierten sie die Ergebnisse ihrer Recherchen.

Eine kleine Gedenktafel erinnert auf dem Güldendorfer Friedhof an ein schreckliches Kapitel deutscher Geschichte: Das grausame Ende Hunderter meist osteuropäischer Zwangsarbeiter, unter ihnen viele Frauen mit Säuglingen und kleinen Kindern, die im sogenannten Krankensammellager, das sich auf einem Feld hinter dem Friedhof befand, ums Leben kamen. Als die Achtklässler der Frankfurter Kleist-Oberschule diesen Ort das erste Mal besuchten, war die Tafel mit Moos bewachsen, ihre Inschrift kaum noch zu entziffern. Gemeinsam mit Ortsvorsteherin Brunhild Greiser, Mitgliedern des örtlichen Heimatvereins und unter fachlicher Anleitung eines Steinmetzes reinigten die Schüler die Tafel, entfernten Laub und Unkraut und halfen später bei der Neubepflanzung der Blumenkübel.

Zuvor hatten sich die Schüler bereits mehrere Monate mit der Geschichte des Krankensammellagers Güldendorf und seiner Insassen auseinandergesetzt. Dass Jugendliche selbst aktiv werden, diskutieren, recherchieren, sich mit historischem Material und Zeitzeugen auseinandersetzen ist Ziel des Projektes "Spurensuche", das der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo)bereits seit 2014 alljährlich mit Achtklässlern aus verschiedenen Schulen durchführt. "Es geht um die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte", sagt Peggy Zipfel, die als Geschäftsführerin des Awo-Kreisverbandes auch die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen hat. Nachdem in den vergangenen Jahren Frankfurter Bürgern, die Opfer der NS-Zeit wurden, Gesichter und Geschichten zurückgegeben wurden, stand 2017 das Schicksal der Zwangsarbeiter, die in Frankfurt leben und arbeiten mussten, im Mittelpunkt.

Ideengeber war Gerhard Hoffmann vom Bund der Antifaschisten, der mit den Achtklässlern der Spur der Zwangsarbeiter nach Güldendorf folgte. "Am Anfang war ich mir nicht so sicher, ob das etwas wird", gab er bei der Präsentation der Projektergebnisse am Mittwochnachmittag zu. Bei Besuchen der Gedenk- und Dokumentationsstätte "Opfer politischer Gewaltherrschaft" und des Konzentrationslagers Sachsenhausen sowie beim Arbeitseinsatz auf dem Friedhof habe er einen Reifeprozess bei den Jugendliche erlebt. "Sie haben etwas getan, was bislang noch niemand von ihnen erwartet hat", sagte er.

"Wir haben traurige und schockierende Geschichten gehört. So etwas darf nie wieder passieren, sagte Lisa Marie Boreck bei der Präsentation, sichtlich berührt vom Schicksal derer, die ausgebeutet und zum Sterben ins Lager abgeschoben wurden. Mit der Arbeit auf dem Friedhof habe die Klasse einen Beitrag dazu leisten wollen, das Andenken dieser Menschen zu bewahren.

Das Projekt "Spurensuche" wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" und soll auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden.

Das Krankensammellager Güldendorf


■ Zwischen Frankfurt und Poznan wurden im Winter 1940/41 für den Bau der Reichsautobahn über 30 Zwangsarbeitslager errichtet. Nach Einstellung der Autobahnarbeiten 1942 wurden einige zu Arbeitserziehungslagern für ausländische Zwangsarbeiter. In Güldendorf entstand ein Krankensammellager, in das diejenigen abgeschoben wurden, die nicht mehr arbeitsfähig waren, unter ihnen viele Schwangere und Mütter mit kleinen Kinden.
■ Die Menschen litten unter unzureichender medizinischer Versorgung, ungenügender Ernährung und unzumutbarer Hygiene. Laut Untersuchungen des Historikers Horst Joachim aus dem Jahre 1973 kamen Hunderte ums Leben.
■ Am 28. März 1945 verließ ein Lastkahn mit 187 Menschen das Lager auf dem Oder-Spree-Kanal Richtung Potsdam. Dort durften sie nicht an Land gehen und starben wahrscheinlich bei der Bombardierung der Stadt. (Quelle: "Zwangsarbeit in Frankfurt (Oder) 1940-1945")

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Roland Totzauer 15.12.2017 - 09:35:48

Heimatgeschichte erwandern

Am kommenden Mittwoch, den 20. Dezember 2017, veranstalte ich eine heimatgeschichtliche Wanderung, die unter anderem auch durch Güldendorf führen wird. Einer der Wegpunkt bei dieser Wanderung ist das ehemalige Gelände des Arbeits- bzw. Krankenlagers auf dem Güldendorfer Müllerberg. Dort sieht man noch einen Luftschutzbunker, der für die Wachmannschaften des Lagers gebaut wurde und heute noch existiert. Das Krankenlagergelände ist als solches nicht mehr erkennbar. Die Fläche wird wieder landwirtschaftlich genutzt. Informationen zur Wanderung: https://goo.gl/648fyp Geschichtsinteressierte Wanderer aus Frankfurt & Umgebung sind willkommen!

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