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Die Nikolaikirche in Jüterbog protestiert mit der Schließung ihrer Türme gegen Anfeindungen und Rassismus

Statement gegen Rassismus
Derzeit keine gute Aussicht

Durchblick: Die Nikolaikirche in Jüterbog ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Durchblick: Die Nikolaikirche in Jüterbog ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. © Foto: dpa/Bernd Settnik
Jana Reimann-Grohs / 17.04.2018, 08:00 Uhr
Jüterbog (MOZ) Die Aussichtstürme der Nikolaikirche von Jüterbog sind bis auf Weiteres für die Öffentlichkeit gesperrt. Zu dieser Maßnahme sah sich die evangelische Kirchengemeinde gezwungen, um ein Zeichen gegen Anfeindungen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Aber auch gegen Anschuldigungen, Kirchenvertreter würden Straftaten von Flüchtlingen unterstützen.

Die Nikolaikirche in Jüterbog (Teltow-Fläming) ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten und zugleich Wahrzeichen der Stadt. Von ihren Türmen aus kann man bei schönem Wetter bis nach Berlin schauen. Doch damit ist es erst einmal vorbei. Der Gemeindekirchenrat hat die Kirchtürme am Montag gesperrt. Hintergrund ist eine öffentliche Hetzkampagne gegen Pfarrerin Mechthild Falk.

Gegner werfen der Kirchenfrau vor, bewusst Straftaten von Flüchtlingen verschwiegen zu haben. Falk engagiert sich gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen in einer Helfergruppe für Geflüchtete. Einer ihrer Schützlinge soll ohne Führerschein Auto gefahren sein. Anstatt den jungen Mann anzuzeigen, habe sie lediglich das Gespräch zu ihm gesucht, lautet einer der Vorwürfe, den der „Jüterboger Bürgerstammtisch“ Anfang April auf Facebook erhob. Zudem soll die Pfarrerin von sexuellen Handlungen eines Flüchtlings mit einer Minderjährigen gewusst haben und auch diesen Fall nicht zur Anzeige gebracht haben.

Die Pfarrerin befinde sich „auf Abwegen“, schrieb der Bürgerstammtisch. Und Bürgermeister Arne Raue (parteilos) kommentierte dies mit einem Verweis auf Paragraf 258 Strafgesetzbuch – den Tatbestand der Strafvereitelung, der mit Freiheits- oder Geldstrafe geahndet werde.

Seit zwei Wochen bekommt die Pfarrerin nun Hassmails und Drohungen. Dabei wünscht sie sich eigentlich eine konstruktive Gesprächskultur für ihre Flüchtlingsarbeit und mehr Unterstützung vonseiten der Stadt. Sie fühle sich „in die Ecke von Tätern gerückt“, sagt Falk. „Mir wird eine Straffälligkeit durch das Oberhaupt unserer Stadt vorgeworfen.“

Zugleich weist sie die Kritik zurück. Beide Vorfälle seien zuvor bereits von anderer Stelle angezeigt worden, sagt Falk. Sie selbst habe nur über Dritte davon erfahren. Die Pfarrerin wollte aufklären und nicht verurteilen. In einer Diskussionsrunde ihres Helferkreises sollten präventive Maßnahmen diskutiert werden. Ein inzwischen ausgetretenes Mitglied habe die Vorfälle dann öffentlich gemacht.

„Ich verstehe das Schließen der Kirchtürme als Zeichen der Solidarität des Gemeindekirchenrats mit seiner Pfarrerin und hoffe, dass es zu einem klärenden Gespräch zwischen Stadt, Gemeindekirchenrat und Pfarrerin Falk kommt“, sagt Generalsuperintendant Martin Herche von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er stehe „voll hinter Pfarrerin Falk“.

Für Mechthild Falk sind die jüngsten Ereignisse nur der Höhepunkt. „Es gibt eine lange Vorgeschichte“, sagt sie. Um städtische Unterstützung ihrer kirchlichen Flüchtlingshilfe habe sie stetig ringen müssen. Jetzt sollten sich die Stadtverantwortlichen „endlich mal positionieren“, fordert die Pfarrerin. Sie wolle „für diese Stadt etwas Gutes“, betont Falk.

„Das Mindeste, was wir jetzt erwarten, ist, dass die falschen Behauptungen zurückgenommen werden“, sagt sie in Richtung Bürgermeister. Arne Raue selbst hat darauf bislang nicht reagiert.

Indes versichert Bernhard Gutsche, geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Gemeinde Jüterbog, dass die Kirche als Ort des Gebets weiterhin geöffnet bleibt. Mit der vorübergehenden Schließung der Kirchtürme möchte man auch ein Zeichen gegen Rassismus setzen, sagt er.

Erst am vergangenen Freitag hatte eine rechtsnationale Kundgebung der Gruppe „Zukunft Heimat“ in Jüterbog stattgefunden, bei der laut Falk „fremdenfeindliche Themen in die Stadt hineingetragen“ worden seien. Aber, betont die Pfarrerin: „Es läuft auch so vieles gut in Jüterbog.“

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