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Mediziner protestieren gegen Übergriffe durch Patienten oder deren Angehörige / Suche nach Ursachen für den Verlust an Respekt

Fehlender Respekt
Brandenburgs Ärzte protestieren gegen Übergriffe von Patienten

Stopp! Bundesweit klagen Mediziner über zunehmende Gewalt in Praxen und Krankenhäusern. Dieses Plakat macht auf das Problem aufmerksam, aufgenommen im Klinikum Nürnberg. Die Brandenburger Ärztekammer fordert Gesetzesänderungen.
Stopp! Bundesweit klagen Mediziner über zunehmende Gewalt in Praxen und Krankenhäusern. Dieses Plakat macht auf das Problem aufmerksam, aufgenommen im Klinikum Nürnberg. Die Brandenburger Ärztekammer fordert Gesetzesänderungen. © Foto: dpa/Daniel Karmann
Mathias Hausding / 25.04.2018, 07:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Mal verliert der Familienvater in der Kinderarztpraxis die Geduld, mal rastet der irakische Flüchtling aus, weil ihm der Krankenschein nicht verlängert wird. Brandenburgs Mediziner wehren sich mit einer Anti-Gewalt-Resolution gegen vermehrte Übergriffe auf Ärzte, Rettungskräfte und anderes medizinisches Personal.

Es passiert überall, in der Landarztpraxis genauso wie in der Notaufnahme eines Krankenhauses: Patienten oder deren Angehörige verlieren aus den unterschiedlichsten Gründen die Beherrschung, attackieren Helfer verbal oder gar körperlich. Ein europaweites Phänomen, das vor Brandenburg nicht Halt macht.

Nachdem das Thema bereits im Herbst 2017 bei einem internationalen Treffen von Ärztekammern auf der Agenda stand, hat nun die märkische Ärzteschaft ein deutliches Stopp-Signal gesetzt. Die Kammerversammlung fordert in einer Resolution von Politik und Gesellschaft mehr Anstrengungen, „um Ärztinnen und Ärzte, medizinisches Personal und Rettungskräfte vor Gewalt zu schützen“.

Was ist da genau los? Wo kommt die Gewalt her? Welche Reaktionen sind geboten? Zu diesen Fragen hat Professor Stefan Kropp jüngst vor Medizinern einen Vortrag gehalten. Er ist Vorstandsmitglied der Landesärztekammer, Chefarzt in einem Psychiatrie-Krankenhaus und forensischer Gutachter. In gewisser Weise ist er Kummer gewohnt, also den Umgang mit schwierigen Patienten. Deeskalationstrainings und ein ausgeklügeltes Notruf-System sind in seinem Haus seit langem Standard.

Kropp hat in seinem Vortrag zusammengefasst, welcher Art die Beschwerden sind. Eine Statistik über die Zahl der Vorfälle gibt es nicht. Eine bundesweite Befragung hat 2015 ergeben, dass drei von vier Hausärzten innerhalb der vergangenen zwölf Monate mit Gewalt konfrontiert waren.

Es reiche, dass sich Patienten in der Praxis missverstanden fühlen, ihnen die Wartezeit zu lang ist oder ihre Erwartungen an den Arztbesuch nicht erfüllt werden, und schon drohe eine Eskalation. „Die Hemmschwelle ist bei etlichen Menschen gesunken“, diagnostiziert Kropp. „Wenn es nicht so läuft, wie sie sich das vorstellen, wird geschimpft, gedroht und auch geschlagen.“ Kommen Drogen und Alkohol dazu, sei die Gefahr für das Personal in Praxen und Kliniken noch einmal deutlich größer.

Die Gründe für diesen Verlust an Respekt, den auch Feuerwehrleute, Polizisten oder Zugschaffner beklagen, sind nach Einschätzung von Stefan Kropp vielfältig. So sei die Anspruchshaltung vieler Menschen gegenüber dem Gesundheitswesen gestiegen. Sie würden als Kunden auftreten und ein Höchstmaß an persönlichem Service erwarten. „Dass der Arzt die Reihenfolge der Behandlung bestimmt, ist zunehmend schwer vermittelbar“, beklagt der Experte.

Hinzu komme, dass das Leben vieler Menschen bei hoher Arbeitsbelastung extrem durchgetaktet sei, sie ständig unter Dampf stehen. „Und sie sind es gewohnt, dass in unserer durchorganisierten Welt alles funktioniert. Wenn es dann mal nicht rund läuft, sind Frust und Ärger groß.“ Auch Anonymität sei ein Faktor. „In der Praxis auf dem Dorf, wo jeder jeden kennt, schluckt man den Ärger vielleicht doch noch einmal runter, im Stadt-Krankenhaus lässt man ihm freien Lauf.“

Eine besondere Herausforderung seien schließlich noch manche Flüchtlinge. Aufgewachsen möglicherweise in Ländern, in denen allein das Recht des Stärkeren gilt, fällt es ihnen mitunter schwer, hiesige Regeln zu akzeptieren. „Das müssen wir sehr ernst nehmen. Aber klar ist: Die Mehrzahl der Täter sind Deutsche“, betont Kropp.

Die Ärzteschaft hat im Anti-Gewalt-Kampf klare Forderungen an die Politik. So zeigt sich die Brandenburger Kammer verwundert darüber, dass das Gesundheitswesen nicht in eine Gesetzesverschärfung einbezogen wurde. So gelten nun harte Strafen, wenn jemand Feuerwehrleute und andere Einsatzkräfte bedroht oder angreift. Dieser Passus müsse zur Sicherheit des medizinischen Personals schnell geändert werden, heißt es in der verabschiedeten Resolution.

Aber auch Praxen und Kliniken könnten und müssten zum Schutz der Mitarbeiter etwas tun, fordert Stefan Kropp. „Damit sich Patienten nicht persönlich benachteiligt fühlen, sollten Wartezeiten nachvollziehbar erklärt werden.“ Bei Angriffen gelte es, jeden Vorfall anzuzeigen und Hausverbote zu erteilen. Technische Hilfsmittel müssten dort genutzt werden, wo es sich anbietet. „Die Nummer des Polizeinotrufs sollte auf der Kurzwahltaste des Telefons programmiert sein.“ Grundsätzlich sei ein guter Draht zu den konkreten Verantwortlichen der Polizei vor Ort zu empfehlen.

Viele Praxen hätten sich bereits auf mögliche Gefahren vorbereitet, andere müssten nun nachziehen. Wichtig seien entsprechende Schulungen für die Teams in den Einrichtungen. Kropps Maxime lautet: „Bei Gewalt darf es keine Toleranz geben. Ich rufe immer die Polizei und bitte um professionelle Unterstützung. Ich zeige jede Bedrohung an, die ich erlebe, und rate auch jedem Betroffenen dazu.“

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