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Reform
Fest im Griff des Bachelors

Martina Münch
Martina Münch © Foto: Gerd Markert
Josefin Roggenbuck / 13.06.2018, 08:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Vor knapp 20 Jahren gab Bologna, die bekannte Universitätsstadt in Italien, dem bis dato größten Studien-Reformprozess ihren Namen.  Doch was hat sich seit der Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse in Brandenburg verändert? Dem Diplom scheinen jedenfalls nur noch wenige Tränen hinterher geweint zu werden.

Ab dem kommenden Wintersemester hat es Brandenburg geschafft: Der letzte Diplomstudiengang wird an der Fachhochschule Potsdam abgeschafft. Dann kann im gesamten Land nur noch auf Bachelor und anschließend Master studiert werden. „Auch wir sind nun komplett durchbologniart“, sagt Andrea Schmidt, Vizepräsidentin der Potsdamer Fachhochschule.

Doch was bedeutet das? In erster Linie ging es den 29 Wissenschaftsministern, die 1999 den Bologna-Prozess einläuteten darum, die europaweiten Studienstrukturen anzugleichen. „Im Zentrum steht eine erleichterte Mobilität, das bedeutet dass Studierende einfacher im europäischen Hochschulraum studieren können und Abschlüsse und Studienleistungen gegenseitig besser anerkannt werden“, sagt Brandenburgs Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD). Dafür wurde das  zweistufige Bachelor- und Masterstudium eingeführt. Nach dem meist sechssemestrigen Bachelorstudium erreichen Studierende heute den ersten berufsbefähigenden Abschluss.

Trotz zahlreicher Proteste, vorwiegend zu Beginn des Reformprozesses, kann sich Wilhelm-Günther Vahrson, Präsident der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) eine Rückkehr zum Diplom nicht vorstellen. Wieder Diplom-Studiengänge anzubieten, wie es beispielsweise die Hochschule Ilmenau während eines fünf bis sechs Jahre andauernden Modelversuchs in den technischen Studienfächern gerade macht, sei ein Irrweg.

Doch trotzdem weint man auch in Eberswalde seinen einstigen Diplomstudiengängen eine kleine Träne nach. Hochschul-Präsident Vahrson sagt: Im achtsemestrigen Diplomstudium waren zwei Praxissemester vorgesehen, im sechssemestrigen Bachelor ist nur noch Platz für eins. Ein kleiner Wehmutstropfen.

Auch für Nicole Klück, Projektkoordinatorin für Auslandsaufenthalte der Viadrina Universität Frankfurt (Oder) ist die Möglichkeit zum internationalen Austausch entscheidend. Immer mehr Studierende gehen ins Ausland, weil dort erbrachte Leistungen sich heute einfacher anrechnen lassen. „Dadurch steigt die Internationalität an den Hochschulen bei uns im Land: Die Viadrina ist zum Beispiel eine der internationalsten Hochschulen bundesweit“, sagt Ministerin Münch. Zwar passt das Angebot der Partneruniversität nicht immer zu 100 Prozent mit dem der Viadrina überein, doch auch dafür gibt es Lösungen, erläutert Klück von der Viadrina weiter. „Die avisierten Ziele der Bologna-Erklärung sind der Rahmen in den wir unsere Arbeit und Ideen einpassen.“

Manchmal hakelt in der Praxis aber noch, was in der Theorie so schön klinge, gibt Potsdams Fachhochschul-Vizepräsidentin Schmidt zu bedenken. Ein Auslandssemester sei nicht immer im Studienplan unterzukriegen. Der Wechsel an andere Hochschulen nach dem Abschluss des Bachelorstudiums sei in der Realität oft nicht so einfach wie gedacht. Da stimmt so manch erbrachte Leistung im Bachelor nicht mit der für ein Masterstudium erforderten überein. Trotzdem bedeute das nicht, dass früher alles besser war. „Heute ist es eben anders“, sagt sie.

Der Lehrplan sei nicht mehr so starr, wie er zu Diplom- und Magisterzeiten war. Wenn damals das Curriculum feststand, wurde da nicht mehr rangegangen. Heute werden die Lehrpläne für Bachelor- und Masterstudiengänge alle vier bis sechs Jahre angepasst, so Schmidt. Selbst fürs Lernen Verantwortung übernehmen, sei das Stichwort. Hochschulen und Universitäten sind keine allgemeinbildenden Schulen, daran hat auch der Bologna-Prozess nichts geändert.

Schließlich sei „Verschulung“ nicht das Ziel des Europäischen Hochschulraums und des Bologna-Prozesses, so Wissenschaftsministerin Münch. „Heute gibt es mehr studienbegleitende Prüfungsleistungen. Das bedeutet, die Arbeitsbelastung wird über das Studium insgesamt mehr verteilt.“

Das sogenannte „Bulimie-Lernen“ habe sich damit nicht verschärft, erläutert Vahrson von der Hochschule in Eberswalde. Zwar würde kurzfristig Wissen in sich hinein gestopft und zur Prüfung wieder hervorgeholt. „Doch sie studieren nicht wie beim Diplom jahrelang vor sich hin, um dann alles von einer Prüfung abhängig zu machen“, sagt er. Studierende würden das wahrscheinlich anders sehen, meint hingegen Schmidt. In deren Augen ist die Studienbelastung gestiegen. Doch zurück zum Diplom wollen nur wenige von ihnen. Knapp zwanzig Jahre nach Reformbeginn sei Bologna in den Köpfen angekommen.

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