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„Pflege in Not“
Gewalt aus Überforderung

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Symbolfoto © Foto: dpa/Patrick Pleul
Mathias Hausding / 23.06.2018, 06:30 Uhr
Potsdam (MOZ) Seit zehn Jahren gibt es in Brandenburg die Beratungsstelle „Pflege in Not“. In 1800 Fällen hat sie bislang Hilfe geleistet, wenn Gewalt droht oder eskaliert.

Es passiert, wenn einem alles über den Kopf wächst, man nicht mehr weiter weiß, überfordert ist. Mal fallen dann böse Worte, mal rutscht sogar die Hand aus. Das darf nicht sein, aber es geschieht doch: Eine berufstätige Mutter pflegt aufopferungsvoll ihren bettlägerigen Vater, kann nicht mehr durchschlafen und reagiert zunehmend ruppig. Im Pflegeheim können die verschiedensten Konflikte an den Kräften des Teams zehren, bis sich angestaute Wut an den Bewohnern entlädt.

Um das Schweigen über dieses Tabuthema zu durchbrechen, wurde am 1. Juli 2008 in Potsdam eigens eine Beratungsstelle für das Land eingerichtet. Zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen werden dort von geschulten Ehrenamtlern unterstützt. Sie bieten telefonisch oder im persönlichen Gespräch Rat, wenn es brennt beziehungsweise zu brennen droht. Außerdem hat die Stelle bislang 120 Fortbildungen für insgesamt 1500 Pflegekräfte aus dem ambulanten und stationären Bereich gemacht.

„Durch Überforderung kann es zu Überreaktionen und Gewaltanwendungen kommen. Niemand muss sich dafür schämen, niemand soll an den Pranger gestellt werden. Wichtig ist, Brücken für die Betroffenen zu bauen und Bewältigungsstrategien aufzuzeigen“, sagt Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke).

Beraterin Claudia Gratz erinnert daran, dass ein Pflegefall in der Familie manchmal langsam, aber oft auch unverhofft komme. „Die häusliche Pflege eines Angehörigen ist ein 24-Stunden-Job, auf dessen Ausmaß die Betroffenen oft nicht vorbereitet sind.“ Ziel der Beratungsstelle sei, auf Wunsch auch anonym ein offenes Ohr zu bieten, Konflikte zu klären und Entlastungsmöglichkeiten im Pflegealltag vorzuschlagen.

Einen guten Eindruck vom Arbeitsansatz der Potsdamer Beraterinnen vermittelt die online kostenlos erhältliche Broschüre „Ich kann nicht mehr – Konflikte und Gewalt in der Pflege älterer Menschen“. An aus dem Leben gegriffenen Beispielen werden die besonderen Herausforderungen im von Abhängigkeit geprägten Verhältnis zwischen Pflegebedürftigen und Helfern beschrieben.

Hilfreich kann sicherlich auch ein in der Broschüre enthaltener Fragebogen sein, mit dem Helfer vorab überprüfen können, inwieweit sie in der Lage sind, die Aufgabe wirklich allein zu schultern. Ist etwa die Beziehung zum Pflegebedürftigen von vornherein durch Familienkonflikte belastet, wird ein nochmaliges Überdenken des Pflegekonzepts empfohlen, um spätere Enttäuschungen auf beiden Seiten zu vermeiden. Drohen familiäre Helfer in die unheilvolle Gewaltspirale zu geraten, wird ihnen geraten, nicht zu schweigen, sondern sich jemandem anzuvertrauen. Auch sollten sie eigene Wünsche und die eigene Gesundheit nicht ignorieren.

Für Probleme in Heimen gelte es, Schwierigkeiten im Beisein der Beraterinnen offen anzusprechen. „Oft bringt es viel, eine Fallbesprechung zu machen und gemeinsam zu versuchen, eine Lösung zu finden“, sagt Helga Zeike von „Pflege in Not“.

Weitere Informationen im Internet: www.pflege-in-not.de

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