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Adelbert von Chamisso
Erinnern an ein Multitalent

Exponat für das Chamisso-Literaturmuseum: Margot Prust mit der Sonnenuhr, die einst vor dem Kunersdorfer Schloss ihren Platz hatte. Viele Jahrzehnte lag das gute Stück bei einem Dorfbewohner, der es nach 1945 gerettet hatte.
Exponat für das Chamisso-Literaturmuseum: Margot Prust mit der Sonnenuhr, die einst vor dem Kunersdorfer Schloss ihren Platz hatte. Viele Jahrzehnte lag das gute Stück bei einem Dorfbewohner, der es nach 1945 gerettet hatte. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 02.08.2018, 07:30 Uhr
Kunersdorf „Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich, Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken …  Ich habe nichts, wohin ich gehöre, ich bin überall fremd“, schrieb er in einem Brief. Vielleicht passt Adelbert von Chamisso (1781–1838) damit ganz gut in die heutige Zeit. Mit gewisser Entwurzelung und Suche nach neuen Ankern. Mit immenser Neugier, Entdeckergeist, Vielseitigkeit der Interessen. Chamisso, das ist der politisch-philosophische Mensch in einer Ära des Umbruchs in Europa. Der Dichter und Autor, aber auch der Naturforscher und Wissenschaftler auf Weltumseglung.

An all die Facetten wird das Chamisso-Museum erinnern, das Ostern 2019 eröffnen soll – im Kunersdorfer Musenhof (Märkisch-Oderland), einstige Dependance des kriegszerstörten und nach 1945 abgetragenen Schlosses. Kunersdorf, wo Chamisso zwar auch nicht ganz zu Hause war, sich aber wohlfühlte bei seinen Gastgebern. Und wo 1813 sein berühmtestes Werk entstand: „Peters Schlemihls wunderbare Geschichte“, eine Märchenerzählung mit einigen durchaus erkennbaren autobiografischen Zügen.

Margot Prust steht inmitten der derzeit nahezu leeren Räume. Die Handwerker haben gute Arbeit geleistet. Die alten Dielen sind ausgebessert und teilweise ersetzt, Schwellen wegen der Barrierefreiheit ausgebaut worden. Dazu ein behindertengerechter Umbau des WC und andere Arbeiten – eine Gesamtinvestition von rund 70 000 Euro. Bis Februar soll noch die Inneneinrichtung erfolgen.

Es ist zwölf Jahre her, seit Margot Prust, zuvor in Neuenhagen bei Berlin verankert, ins Oderbruch wechselte, das geschichtsträchtige Anwesen erwarb und den einstigen Musenhof mit Veranstaltungen neu belebte. Der gemeinsam mit Inge Bärisch gegründete Findling-Verlag, einst auch im Haus ansässig, ist inzwischen an Nachfolger übergeben und ausgezogen. Doch die mittlerweile 73-Jährige findet weiter keine Ruhe. Mit dem Förderverein Kunersdorfer Musenhof will sie eben an dieser dafür prädestinierten Stelle das Museum errichten.

Noch sind die Wände kahl. Das wird sich bis Jahresende ändern. Auf der rechten Seite des Korridors, später die „Zeitschleuse“, soll die Schlossgeschichte erzählt werden – einschließlich die der Eigentümerfamilie. Henriette Charlotte von Itzenplitz (1772–1848) führte den Musenhof weiter, den ihre Mutter Helene Charlotte von Lestwitz, genannt Frau von Friedland (1754–1803), begründet hatte. In Kunersdorf trafen sich Dichter und Denker, Architekten und Naturforscher. Es war auch ein Ort, an dem sich Chamisso mit namhaften Zeitgenossen austauschen konnte. An der linken Wand wiederum wird an die Friedländer Schlossbibliothek erinnert, mit 30 000 Bänden eine der größten ihrer Epoche.

„Wir werden davon sechs originale Bände, die wir vom Oderlandmuseum haben, ausstellen. An denen ist noch zu sehen, dass sie zwischenzeitlich in einer DDR-Bibliothek standen. Das alte Siegel ist durch ein neues ersetzt worden“, erklärt Margot Prust. Auch eine Sammeltasse, die der letzten Bediensteten aus dem Schloss gehörte, steuert das Oderlandmuseum für die künftige Präsentation im Chamisso-Museum bei. Zudem liegen bei Margut Prust schon eine alte Botanisiertrommel sowie ein historisches Straßenschild der Berliner Chamissostraße. Besonders stolz ist sie auf ein weiteres Exponat – die Sonnenuhr, die einst vor dem Schloss stand. Ein Kunersdorfer hatte sie gerettet und jahrzehntelang aufbewahrt.

Genau 200 Jahre ist es am Freitag her, dass die „Rurik“, unter anderem mit Chamisso an Bord, von ihrer dreijährigen Weltumseglung heimkehrte. Ein Modell der Brigg wird im hinteren Raum, früher Verlags-Arbeitszimmer, von der Decke hängen, während an der Wand an einer Landkarte der Expeditionsverlauf zu verfolgen ist.

„Zeitschleuse“, die Bibliothek mit dem Arbeitstisch Chamissos und seinen Werken – so die von Freund Friedrich de la Motte Fouqué (1777–1843) herausgebrachte Erstausgabe des „Schlemihl“, der Weltreise- und der Botanikraum – alles ist bis ins Detail durchkonzipiert, auch mit mehreren digitalen Stationen. Für die Ausgestaltung der Museumsräume sowie den Anbau eines Liftes werden aber bis Ende August über eine Crowdfunding-Kampagne noch 30 000 Euro an Spenden benötigt. In den ersten vier Wochen kamen bereits gut 13 000 Euro zusammen.

Unter www.startnext.com/cham findet sich der Spendenaufruf samt einem Video

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