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Die Gepanzerten: Teil 8 unserer Sommerserie in Brandenburgs Seen und Flüssen

Brandenburg unter Wasser
Flusskrebs ist nicht gleich Flusskrebs

Mario Merkel / 16.08.2018, 07:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (freier Autor) Mit über 3000 natürlichen Seen ist Brandenburg das seenreichste deutsche Bundesland. Aber wie sieht eigentlich das Leben unter der Wasseroberfläche aus? Unsere Sommerserie lüftet einige Geheimnisse. Teil 8: die Gepanzerten.

Sie tragen Panzer aus Chitin, sind mit Scheren bewehrt, schreiten mit vier Beinpaaren majestätisch über den Grund und schwimmen bei Flucht mit einem kräftigen Schwanzschlag rückwärts. Als Kinder haben wir sie mit Händen aus kleinen Bächen oder Ufersäumen gefischt und die Kraft der Scheren schmerzhaft kennengelernt. Wir kennen sie alle, Flusskrebse. Doch kennen wir sie wirklich? Flusskrebs ist nicht gleich Flusskrebs.

Ursprünglich sind die Brandenburger Gewässer das Zuhause des Europäischen Edelkrebses (Astacus astacus). Das große Krustentier mit einer Länge von guten 20 Zentimetern und seinem markanten, knallroten Scherengelenk sowie der roten Scherenunterseite war weit verbreitet und als Delikatesse beliebt. In gegrabenen Wohnhöhlen wartet der Edelkrebs tagsüber auf den Einbruch der Dämmerung, um im Schutz der Dunkelheit auf Nahrungssuche zu gehen. Das Verwerten toter Tiere verleiht dem Krebs den Ruf eines Gesundheitspolizisten.

Doch um den Edelkrebs ist es nicht gut bestellt. Um es vorweg zu nehmen: Ich habe bei meinen Tauchgängen in vielen Brandenburger Seen noch keinen einzigen Edelkrebs beobachten können. Was nicht bedeutet, dass es keine Flusskrebse mehr gibt. Im Gegenteil. Kaum ein Tauchgang ohne Flusskrebsbegegnung. Drohend halten sie die Scheren in die Kamera. Das lange Fühlerpaar aus dem Schlamm ragend verrät ihre Anwesenheit. Es sind allerdings keine heimischen Edelkrebse. Es sind Invasoren aus Nordamerika, zumeist Kamberkrebse.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten Tiere von Menschen nach Europa gebracht. Ein fataler Fehler. Denn mit den Tieren wurde ein tödlicher Pilz – die sogenannte Krebspest – in die Seen und Flüsse eingeschleppt. Während die Amerikanischen Flusskrebse wie Kamber-, Signal- und Sumpfkrebs resistent gegen diese Krankheit sind, haben die Edelkrebse nichts entgegenzusetzen und verenden zwangsläufig. Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte der Zusammenbruch der europäischen Population. Wissenschaftliche Dokumentationen gehen von 18 noch vorhandenen Beständen in Brandenburger Gewässern zur Jahrtausendwende aus. Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Binnenfischerei konnte in nur acht Fällen den Bestand des Edelkrebses nachweisen. Initiativen und Projekte kämpfen um den Erhalt und die Wiederansiedlung der stark gefährdeten Art. Wachen Auges werde ich durch die Brandenburger Unterwasserwelt streifen.

Neben Flusskrebsen fühlen sich weitere Krebstiere in Seen und Flüssen pudelwohl. Süßwasser- und Schwebgarnelen sowie Flohkrebse huschen zwischen Muschelkolonien und Wasserpflanzen. Nur wenige Millimeter groß fallen sie doch in der Masse auf. In kleinen Höhlen und Nischen, meist auch in Geselligkeit mit Flusskrebsen tanzen Gruppen von rosa Schwebgarnelen. Mit dem Ballastwasser großer Lastkähne oder als Fischfutter kamen die kleinen Garnelen ins Brandenburger Land. Sie kamen, um zu bleiben. Flussbarsche, die sich mit ihnen den Bauch füllen, scheinen über diesen Umstand nicht traurig.

In den Wintermonaten finden sich die Schwebgarnelen wie auf ein Kommando zu riesigen Schwärmen zusammen. In verschiedenen Seen wie dem Kalksee, Straussee und Werbellinsee konnte ich dieses Phänomen beobachten. An exponierten Stellen wie zum Beispiel einem alten Kajütbootwrack bilden sie für einige Tage regelrechte Garnelenwolken. Ein unbeschreibliches Erlebnis für Taucher. Der Zeitraum scheint wohl gewählt, halten die Fressfeinde zu dieser Zeit doch Winterruhe in den Tiefen der Seen. Allein der Grund für dieses Massentreffen ist noch ungeklärt.

Genaues Hinsehen bei toten Fischen oder Muscheln lohnt allemal. Flohkrebse laben sich an der Biomasse und zerkleinern diese mit ihren kräftigen Zangenwerkzeugen zu mundgerechten Happen. Gilt der Bachflohkrebs als heimisch in Brandenburger Gewässern, findet man immer häufiger Exemplare des Großen Höckerflohkrebses. Auch unter Wasser scheint alles im Wandel.

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