Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Dialyse
Wenn die Nieren nicht funktionieren

Der Patient und seine Kinderkrankenschwester: Christina Stiny betreut Justin Keiper im KfH-Nierenzentrum seit dessen Geburt. In der Jugendherberge Bremsdorfer Mühle sitzen sie neben einer Blutwäsche-Maschine, die extra für das Dialyse-Ferienlager aus der Charité in Berlin nach Bremsdorf gebracht worden war.
Der Patient und seine Kinderkrankenschwester: Christina Stiny betreut Justin Keiper im KfH-Nierenzentrum seit dessen Geburt. In der Jugendherberge Bremsdorfer Mühle sitzen sie neben einer Blutwäsche-Maschine, die extra für das Dialyse-Ferienlager aus der Charité in Berlin nach Bremsdorf gebracht worden war. © Foto: Frank Groneberg
Frank Groneberg / 19.08.2018, 07:00 Uhr
Bremsdorf (MOZ) In der Jugendherberge Bremsdorfer Mühle haben jetzt 36 nierenkranke Kinder und Jugendliche zehn unbeschwerte Ferientage verbracht. Ein Junge erzählt davon, wie es sich lebt mit der Dialyse und warum eine Spenderniere so glücklich macht.

Justin Keiper ist eigentlich ein Junge wie die meisten anderen in seinem Alter. Er spielt gern Fußball, geht angeln, ist mit Freunden unterwegs. Bis vor einigen Jahren durfte er ans Fußballspielen oder auch an Tischtennis aber höchstens denken. Und Zeit für seine Freunde hatte er auch nur sehr eingeschränkt. Denn Justin ist mit zwei nicht funktionierenden Nieren auf die Welt gekommen. Das heißt: Er war von Geburt an auf die maschinelle Blutwäsche, auf die Dialyse angewiesen.

Wir sitzen in der Jugendherberge Bremsdorfer Mühle, wo Justin am Dialyse-Ferienlager teilnimmt. Der Verein „Nieren-Kinder Berlin“ lädt Kinder und Jugendliche jedes Jahr an wechselnden Orten dazu ein, in Zusammenarbeit mit der Charité und dem Berliner KfH-Nierenzentrum für Kinder und Jugendliche. „Für mich war das alles ja normal, ich kannte es ja nicht anders“, erzählt der Zwölfjährige, der in Rathenow zu Hause ist. In den ersten knapp sieben Lebensjahren wurde die Blutwäsche noch bei ihm zu Hause durchgeführt – als Bauchfelldialyse, jede Nacht. „Ich hatte einen Katheter im Bauch, der wurde jeden Abend angeschlossen. Ich durfte nur auf dem Rücken schlafen – sobald ich mich gedreht habe, gab das Gerät Alarm.“ Er habe dadurch auch immer geschnarcht, sagt Justin und lacht. „Aber so musste ich wenigstens nicht dreimal die Woche zur stationären Dialyse fahren.“

Das änderte sich dann jedoch. Denn die Bauchfelldialyse funktionierte nicht mehr richtig. „Es gibt irgendwann Vernarbungen im Bauchfell und der Stoffaustausch kann nicht mehr stattfinden“, erklärt Christina Stiny. Die Kinderkrankenschwester betreut Justin im KfH-Kinderzentrum in Berlin und fährt seit 1991 jedes Jahr mit ins Dialyse-Fe­rienlager. Plötzlich musste auch Justin dreimal wöchentlich zur statio­nären Dialyse nach Berlin. Jede Blutwäsche dauert vier bis fünf Stunden, dazu kommt die Fahrzeit nach Berlin und wieder zurück nach Rathenow. „Ich hatte plötzlich viel, viel weniger Freizeit“, erzählt der Junge. Seine Mutter hörte auf zu arbeiten, um ihn zur Dialyse fahren zu können. „Ich habe mir ganz, ganz doll gewünscht, dass ich eine neue Niere bekomme.“

Ein halbes Jahr später war es soweit: Justin, inzwischen Erstklässler, bekam eine Spenderniere. „Ich war so glücklich“, erinnert er sich. „Endlich konnte ich Fußball und Tischtennis spielen, endlich hatte ich wieder Freizeit.“ Wobei er nach wie vor aufpassen musste und muss, denn: Die neue Niere sitzt vorn im Bauchraum, sie wurde an die Bauch-Aorta angeschlossen. „Da darf ich beim Fußball keinen Ball ranbekommen“, erklärt Justin, „und die anderen Kinder in der Schule wissen das und passen auf, wenn wir in der Pause spielen.“ Aber wenigstens könne er jetzt Sport treiben. Wozu er auch das Angeln zählt: „Wenn man einen großen Fisch dran hat, muss man ganz schön kämpfen.“

Gesund ist Justin natürlich trotzdem nicht, und das weiß er auch. „Ich muss mein Leben lang Tabletten nehmen“, erklärt er und zählt auf: „Neun Tabletten morgens, sieben abends. Und die immer genau um 8 Uhr und um 20 Uhr.“ Doch das störe ihn überhaupt nicht: „Das ist viel besser als Dialyse.“ Statt dreimal wöchentlich fährt er nur noch einmal im Monat nach Berlin, zur Kontrolle. Und irgendwann in den nächsten 25 Jahren wird er eine neue Spenderniere brauchen. „Eine transplantierte Niere hält zwischen fünf und 30 Jahre“, bestätigt Christina Stiny. „Das Leben der Patienten pendelt also immer zwischen Transplantation und Dialyse.“

Was Justin unbedingt noch erwähnen möchte: Dank der Spenderniere darf er wieder fast alles essen. Denn für Dialyse-Patienten ist eine kalium- und phosphatarme Ernährung überlebenswichtig. „Ich durfte keine Schokolade essen, keine Bananen, wenig Wurst und maximal einen Liter pro Tag trinken. Und am schlimmsten fand ich: Auch Chips waren verboten!“ Jetzt aber sei fast alles erlaubt. „Jetzt kann ich auch Räucheraal und Räucherlachs essen, das schmeckt richtig gut.“ Und nach dem Ferienlager freut sich Justin zu Hause auf eine ganz besondere Leckerei: „Auf Garnelen in Kräuterbutter gebraten – die esse ich für mein Leben gern.“ Na dann – guten Appetit!

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG