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Neben Feldspielern werden bei der Sportart sehende Torhüter und Guides benötigt

Rund 20 Aktive
Zehn Jahre Blindenfußball in der Region

Der Fußballspieler Nico vom FC Viktoria 1889 am Ball beim wöchentlichen Training in Lichterfelde. Der Spieler trägt eine lichtundurchlässige Brille, da er nicht voll erblindet ist. Seit zehn Jahren spielen Blinde und Sehbehinderte beim FC Viktoria 1889 Berlin Fußball. Der Verein war 2008 Gründungsmitglied der Blindenfußball-Bundesliga.
Der Fußballspieler Nico vom FC Viktoria 1889 am Ball beim wöchentlichen Training in Lichterfelde. Der Spieler trägt eine lichtundurchlässige Brille, da er nicht voll erblindet ist. Seit zehn Jahren spielen Blinde und Sehbehinderte beim FC Viktoria 1889 Berlin Fußball. Der Verein war 2008 Gründungsmitglied der Blindenfußball-Bundesliga. © Foto: dpa/Kristin Bethge
dpa / 20.08.2018, 11:20 Uhr - Aktualisiert 20.08.2018, 11:39
Potsdam (dpa) Schwimmen oder Ballsportarten ohne Körperkontakt - das sind typische Sportarten für blinde und sehbehinderte Menschen. Blindenfußball hingegen ist selbst im Berliner Raum so selten, dass manche eine stundenlange Anfahrt zum Training in Kauf nehmen.

Der Ball klatscht an die Hallenwand, springt zurück ins Feld und kullert rasselnd vor Emilios Füße. Der Elfjährige dribbelt mit kleinen Schritten los, den Ball ganz eng am Fuß. „Voy, voy, voy“, ruft sein etwa drei Köpfe und mehrere Jahre älterer Gegenspieler Edis - was so viel heißt wie: „Achtung, ich komme“. Der Ruf soll vor Zusammenstößen bewahren, wenn blinde und sehbehinderte Menschen wie Emilio und Edis Fußball spielen.

Seit zehn Jahren gibt es dieses Angebot beim FC Viktoria 1889 Berlin. Der Verein war 2008 Gründungsmitglied der Blindenfußball-Bundesliga. Etwa 20 Aktive zwischen sechs Jahren und Mitte 40 gebe es derzeit, sagt Trainer Oliver Heise, davon gut ein Dutzend Feldspieler plus sehende Torhüter und Guides. Letztere sind Navigationshelfer, die den Blindenstock auf dem Feld überflüssig machen. Weil jedes Geräusch, jede Anweisung spielentscheidend sein kann, sind Fangesänge und -jubel bei der Sportart undenkbar. „Noch fünf, noch vier Meter“, ruft der sehende Torwart im Trainingsspiel, damit sich Edis nach einem Solo vor dem Schuss orientieren kann.

Nicht nur ein feines Gehör ist nötig: Man könne den Gegner auch anhand des Luftzugs einschätzen, sagt Emilio, als wäre das selbstverständlich. Seit drei Monaten trainiert er in Berlin. Möglich macht das seine Mutter Anja, die ihn aus dem brandenburgischen Thyrow (Teltow-Fläming) zweimal pro Woche zum Training fährt. Die Anfahrt zum einzigen Blindenfußball-Verein in der Region nimmt sie ihrem Sohn zuliebe in Kauf - ebenso wie eine weitere Familie, die sogar aus dem rund 130 Kilometer entfernten Schwarzheide (Oberspreewald-Lausitz) im Süden Brandenburgs anreist.

„Es war Emilios Herzenswunsch“, sagt seine Mutter. Ihrem Sohn habe es nicht gereicht, mit ihr auf einer Wiese zu kicken. Emilio könne nun seine Energie mit anderen Jungs loswerden. Sich auszutoben sei sonst schwierig, wenn man nicht sehen kann. Insgesamt gebe es im Team derzeit vier Spieler, die in Brandenburg leben oder die in Königs Wusterhausen auf die Brandenburgische Schule für Blinde und Sehbehinderte gehen, sagt Trainer Heise. In Berlin treiben nach Senatsangaben insgesamt 28 000 Menschen mit Handicap Sport unter dem Dach des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Berlin.

Gespielt wird Blindenfußball in Teams aus je vier Feldspielern. Banden verhindern, dass der Ball das Kleinfeld verlässt. Dieser ist schwerer als Bälle für Sehende, springt dadurch weniger. Auffällig auch: Manche Spieler tragen einen Kopfschutz. Im Kampf um den Ball geht es beim Blindenfußball genauso zur Sache wie bei Sehenden, die Spieler verfehlen sich kaum bei Zweikämpfen. Kein Wunder, dass Emilios Mutter auch etwas Angst vor möglichen Verletzungen hat - anders als beim paralympischen Schwimmen in Potsdam, wo der Junge ebenfalls trainiert. „Aber er soll sich ausprobieren können.“

Trainer Heise kennt die Bedenken mancher Eltern und auch von Schulen, die Sportarten mit weniger oder ganz ohne Körperkontakt für Blinde für geeigneter halten. Das treffe insbesondere auf deutsche Eltern zu, die Kinder oft in Watte packten, wie er sagt. Aus diesem Grund gebe es im Blindenfußball bislang einen hohen Anteil an Spielern mit Migrationshintergrund.

Die aktuellen Spieler des Vereins hätten alle erst im Laufe ihres Lebens - etwa durch Krankheiten oder Unfälle - Sehkraft verloren oder diese ganz eingebüßt, sagt Heise. Damit auf dem Feld alle die gleichen Chancen haben, setzen die Spieler, die nicht vollblind sind, lichtundurchlässige Brillen auf. Wer sehend Fußball spielen konnte, schaffe es auch blind, sind sich Mohammad und Edis einig, die beide seit mehreren Jahren im Verein aktiv sind.

Heise betont, neue Mitspieler seien stets willkommen - bundesweit gebe es nur 100 bis 120 Blindenfußballer und rund ein Dutzend Vereine. Das macht den Weg ins Nationalteam relativ kurz. Edis etwa, dessen strammer Schuss gefürchtet ist, war schon Nationalspieler, bis ihm der Zeitaufwand zu groß wurde, wie er sagt. Anders als im sehenden Fußball der Männer ist es mit Geld und Renommee im Blindenfußball bisher nicht so weit her.

Die Regeln, um am Ligabetrieb teilnehmen zu können, schreiben Heise zufolge eine Sehbehinderung mit einer Restsehfähigkeit unter 32 Prozent vor. Wer besser sieht, kann das Berliner Team als Torhüter, Guide oder im Trainerteam unterstützen. Wie wichtig diese Positionen sind, wird beim Training deutlich. Nachdem Emilio den Ball aus kurzer Distanz im linken unteren Eck versenkt hat, fragt er den Keeper im Weggehen: „War's ein Tor?“ Erst die Antwort sorgt für ein breites Lächeln in seinem Gesicht.

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