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Gedenken
Leid hinter dem Stacheldrahtzaun

Gegen das Vergessen: Zur Gedenkveranstaltung kam auch Michaela Kossatz-Reinke (Zweite von rechts), deren Großvater (im Hintergrund, beige Windjacke) damals im Lager inhaftiert war. Sie legte einen Strauß nieder und hielt eine emotionale Rede.
Gegen das Vergessen: Zur Gedenkveranstaltung kam auch Michaela Kossatz-Reinke (Zweite von rechts), deren Großvater (im Hintergrund, beige Windjacke) damals im Lager inhaftiert war. Sie legte einen Strauß nieder und hielt eine emotionale Rede. © Foto: Jörg Kotterba
Jörg Kotterba / 10.09.2018, 06:15 Uhr - Aktualisiert 10.09.2018, 11:30
Jamlitz (MOZ) Ein Gedenkstein erinnert an Karl Latzel. Er wurde 52 Jahre alt. Ein anderer an Ehrhard Finger. Er starb mit 16. Paul Rudolf Röhling wurde 47. Und ein Stein gleich nebenan ist Eduard Seppeler, einem Pionier der deutschen Luftfahrt, gewidmet. Auch er war im  sowjetischen Speziallager Nr. 6 Jamlitz interniert und fand  nach qualvollen Wochen am 10. Oktober 1945 mit 62 Jahren den Tod.

Reiner Wasewitz reiste am Sonnabend aus Dresden an. „An dieser Veranstaltung nehme ich schon seit Jahren teil. Mein Vater starb hier, liegt irgendwo in der Jamlitzer Erde verscharrt. Davon habe ich aber erst nach dem Mauerfall erfahren, als Geheimdokumente der Sowjets dem Deutschen Roten Kreuz zur Verfügung gestellt wurden.“ Wasewitz, jetzt 78, hat seinen Vater Hans als Fünfjähriger zum letzten Mal gesehen. „Er war in der NSDAP. Wie Millionen andere auch. Er tat nie Böses. Nachbarn haben ihn denunziert.“

Das sowjetische Speziallager Nr. 6 Jamlitz bestand von September 1945 bis April 1947. Es war im Nachkriegsdeutschland eines von zehn Speziallagern der sowjetischen Militäradministration auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone. 10 200 Gefangene der Besatzungsmacht durchliefen das Jamlitzer Lager. „Nur wenige von ihnen waren im faschistischen System verstrickt. Nach heutigen Erkenntnissen kam hier jeder dritte Internierte ums Leben“, sagte  Dr. Maria Nooke auf der Gedenkveranstaltung. Sie ist seit einem Jahr Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur in der DDR.

Nooke erinnerte in ihrer Rede vor knapp 200 Menschen an das unendliche Leid der internierten Frauen und Männer.  Die Fragen nach den Gründen ihrer Verhaftung seien noch immer nicht geklärt. Nooke kündigte eine wissenschaftliche Untersuchung an. Sie sei schon lange überfällig.

Die Gedenkveranstaltung organisiert hatte die Initiativgruppe Internierungslager Jamlitz mit Michaela Kossatz-Reinke an der Spitze. Ihr  Großvater Günther Kossatz, heute 88 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen, ist ihr Gründer. Er war Häftling im Speziallager Nr. 6. Die Mitglieder der Initiativgruppe sehen es als ihre wichtigste Aufgabe an, den Todesopfern und jenen, die im Internierungslager gelitten haben, zu gedenken. „Ich versuche, mich in die Gefühle der Menschen hineinzuversetzen, die hinter den Stacheldrahtzäunen der Speziallager unbeschreibliches Leid erfahren haben“, sagte Michaela Kossatz-Reinke in ihrer emotionalen Rede.

Sie denke auch an  die Frauen und Mütter, die in Ungewissheit lebten, ob sie ihre Angehörigen jemals wiedersehen würden. „Es gelingt mir nicht, mir vorzustellen wie diese betroffenen Menschen sich gefühlt haben mussten. Weil das Ausmaß an Grausamkeit meine Vorstellungskraft übersteigt.“

„Ich wollte nicht sterben“, titelt sich eine Wanderausstellung, die im Anschluss im Justus-Delbrück-Haus eröffnet wurde. Delbrück war am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt, wurde verhaftet, überlebte und wurde nach dem Krieg vom NKWD inhaftiert. Er verstarb im sowjetischen Speziallager Jamlitz im Oktober 1945. Sechs Acht- und Neuntklässlerinnen des Max-Steenbeck-Gymnasiums Cottbus hatten mit der Pädagogin Heike Kaps-Brettschneider diese Ausstellung vorbereitet. Darunter die 15-jährige Cilly Müller. Sie kam aus Lübbenau und meinte: „Das Projekt hat mich fasziniert, weil ich Tatsachen erfuhr, die ich vorher nicht kannte. Ich hoffe, so eine Zeit kommt nie wieder.“

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