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Zeitkapsel
Nach dem Gipfeltreffen zwischen Gorbatschow  und Reagan

Manuela Bohm / 02.10.2018, 16:30 Uhr - Aktualisiert 02.10.2018, 16:34
Döberitz Auch in Döberitz deutete vor 32 Jahren nichts darauf hin, dass der 3. Oktober je ein gesamtdeutscher Feiertag werden könnte. Die Zeichen standen gerade erst auf Glasnost und Perestrojka in der Sowjetunion. Viele glaubten aber ernsthaft an Veränderungen, die der politische Kurs des neuen, seit 1985 regierenden UdSSR-Staatschefs auch für die DDR, sprich für den Osten Deutschlands, mit sich bringen könnten. Zunächst einmal galt es, die verhärteten Fronten zwischen Ost und West aufzuweichen. Die Hauptkampflinie verlief mitten durch Deutschland, dessen Teilung  seit 1949 andauerte. Am 11. und 12. Oktober 1986 kam es in der isländischen Hauptstadt Reykjavík zum Gipfeltreffen zwischen Michail Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan. Am 13. Oktober stopften die Döberitzer auch die aktuelle Ausgabe der Märkischen Volksstimme in eine Zeitkapsel, schlossen sie und setzten sie in die Kugel einer Wetterfahne ein. Die Kapsel verbrachte so die Zeit auf dem Kirchturm. Jetzt wurde sie geöffnet.

Genauso antiquiert wie die damalige Zeitung wirken nun die Geldmünzen - von einem Pfennig bis zu einem Fünf-Mark-Stück der DDR. Schließlich zahlen wir heute nicht mal mehr mit der D-Mark, sondern  in Euro. Was für eine unvorhersehbare Entwicklung seit damals!

Wünsche an die Zukunft bzw. Grüße an die Döberitzer, die die Zeitkapsel irgendwann öffnen würden, gab es keine. Stattdessen wurde ein per Schreibmaschine nieder geschriebener Bericht über die Hintergründe der 1986 erfolgten Turmsanierung beigelegt.

„Durch den großen Sturmschaden im Jahre 1972 wurde auch der Döberitzer Kirchturm stark beschädigt. 14 Jahre konnten Wind und Wetter  ungehindert am Gebälk nagen“, so beginnt der Bericht. Darin kommt auch der zu DDR-Zeiten bestehenden Mangel an Baumaterialien zum Tragen, und es wurde berichtet, dass die Arbeiten nur schleppend voran kamen. „Vor einigen Jahren wurde schon der Abriß des Kirchturms in Erwägung gezogen. Er sollte durch eine Betondecke mit Kreuz ersetzt werden“, heißt es weiter.

Den Bericht unterzeichneten Mitglieder des Gemeindekirchenrats. Frau Dürkopp lebe noch, einige andere seien weggezogen  oder verstorben, wie Frank-Norbert Kalkbrenner, Mitglied des Fördervereins zum Erhalt der Dorfkirche Döberitz, am Freitag berichtete.

Gerade der Turm macht heute den Vereins- und den Gemeindemitgliedern Sorgen. „Beim Abnehmen der Wetterfahne bemerkten wir, dass das Holz im Dach des Turms verwittert ist“, sagte Erhard Löser. Der Architekt begleitet die Sanierung der Döberitzer Dorfkirche. In zwei Bauabschnitten soll sie für die kommenden Jahrzehnte gerüstet werden. An der Fassade des Turms müssen die Ziegel beinahe gänzlich neu verfugt werden. Das Gesims zerbröckelt an drei Seiten des Turms. Dafür wurden neue Formziegel hergestellt, die von den Maurern möglichst noch vor dem Frost im Winter eingesetzt werden.

Diese Arbeiten waren geplant. Zudem muss nun auch das Dach wohl komplett neu gedeckt werden. Die Schiefer-Ziegel scheinen für die Reparatur 1986 zusammengesammelt worden sein. Es handelt sich um englischen Schiefer. Die Platten weisen unterschiedliche Stärken auf und einige haben Löcher und Risse. Die Deckschicht lässt sich teils leicht abbröseln. „Ein paar der Platten wurden auch sichtbar angenagelt - das macht man nicht. Wollten wir nur die kaputten Platten tauschen, müssten wir dennoch alle Platten darüber abnehmen. Die komplette Erneuerung würde wohl günstiger ausfallen“, so Löser, der sich zur Zeit verschiedene Dachdecker-Angebote einholt.

Ebenso zum ersten Bauabschnitt gehören die Sanierung des Kirchendachs mit dem Dach des Apsis sowie Ausbesserungen am Sockel des Schiffs. Ist der Turm, wie die Wetterfahne belegt, aus dem Jahre 1781, ist das Kirchenschiff neueren Datums. „Der alte Dachstuhl wurde wohl nach Abriss der Kirche vor 1864 aufbewahrt und nach Aufbau des Schiffs wieder aufgesetzt“, erklärt Löser. Er belegt die Annahme des „jüngeren“ Kirchenschiffs mit der Stempelung der verwendeten Ziegel - „Graf von Königsmarck“ lautet der Aufdruck. Von Königsmarck habe 1864 eine Ziegelei erworben. „Wahrscheinlich war dieser Kirchenbau sein erster Auftrag“, vermutete der Architekt.

Der Dachstuhl des Originaldachs verfügte über sogenannte Hängestützen, die die Last auffingen, verteilten und einem Durchhängen entgegenwirkten. Dann wurde aber ein Gewölbe mit Segmentbögen und Verschalung eingefügt. Dadurch wurden die Hängesäulen weggenommen - das Dach hing durch. So müssen nun Zimmerleute den Dachstuhl zum Großteil neu aufbauen. Randsparren am Giebel mussten ausgetauscht werden. Das neue Dach wird mit glatten, naturfarbenen Biberschwanz-Ziegeln gedeckt werden.

Im zweiten Bauabschnitt widmen sich die Arbeiter dem Inneren der Kirche. „Den Bescheid über die Fördermittel vom Amt für Ländliche Entwicklung für den zweiten Bauabschnitt erwarte ich in den nächsten Tagen“, sagte Pfarrer Hans-Dieter Kübler von der Kirchengemeinde Premnitz, die auch für die Ortsteile Döberitz und Mögelin zuständig ist. Die Dorfkirche soll neue Fenster nach historischen Fotografien erhalten, die zweite nachträglich eingezogene Winterkirche wird weggenommen - und so die Empore wieder nutzbar. Die Heizungsanlage wird modernisiert, die Elektrik überarbeitet. Zudem soll die kleine Kirche an Wasser und Abwasser angeschlossen werden, einen Sanitärbereich erhalten und eine kleine Teeküche sowie eine Leseecke mit Leihbüchern. „Bis Ende 2019 soll alles fertig sein - spätestens bis Weihnachten“, so der Pfarrer.

Bevor aber alle Arbeiten ihren Abschluss finden, will die Gemeinde die Wetterfahne samt der Kugel vergolden, in die die Zeitkapsel einst gelegt wurde. Die alte Kapsel kommt dann wieder hinein, und auch eine neue ist geplant.

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