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Sprengstoffe
Fabrik buchstäblich vom Erdoberfläche verschwunden

Fundamente des Kessellagers der früheren Salpetersäurefabrik.
Fundamente des Kessellagers der früheren Salpetersäurefabrik. © Foto: Jürgen Mai
Jürgen Mai / 07.10.2018, 08:00 Uhr
Döberitz Spaziergängern und Pilzsuchern fallen im Wald südöstlich des Döberitzer Werkgeländes auf eine relativ große Fläche verteilte Fundamentreste und Ruinen auf. Hier arbeitete von 1938 bis 1945 eine für die damalige Zeit moderne Salpetersäurefabrik.

Hochkonzentrierte (Hoko-) Salpetersäure ist neben konzentrierter Schwefelsäure ein Bestandteil der Nitriersäure, die zur Herstellung von Sprengstoffen benötigt wird. Schwefelsäure wurde bereits seit 1917 in Döberitz (vormals Gapel) produziert, stand somit aus eigener Produktion zur Verfügung. Infolge des hohen Verbrauchs von Sprengstoffen auf den Kriegsschauplätzen stieg der Bedarf an Salpetersäure. In Berichten an das Oberkommando des Heeres (OKH) wird für das Döberitzer Werk im Oktober 1943 eine Monatsproduktion von 2.500 Tonnen und im  Juli 1944 von 4.000 Tonnen Hoko-Salpetersäure angegeben. Eine immense Steigerung!

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Salpetersäureanlage wurde im Rahmen des Pulver- und Sprengstoff-Schnellplans auf Anordnung des OKH vom 31.Oktober 1939 ein Hexogenwerk mit dem Tarnnamen „Havel“ erbaut. Hexogen ist einer der brisantesten Sprengstoffe und diente im Zweiten Weltkrieg unter anderem als Füllung von Bomben und panzerbrechenden Granaten und wird auch heute noch für Plastiksprengstoffe verwendet.

Im Schnellbrief des OKH an den Reichsminister für Bewaffnung und Munition vom 20. Juni 1940 (Geheime Kommandosache!) wird für die Döberitzer Anlage eine Monatsproduktion von 500 Tonnen Hexogen konzipiert. Bei der Inbetriebnahme im Juni 1941  explodierte das Nitriergebäude. Glücklicherweise gab es keine Personenschäden. Die Fabrik konnte deshalb erst im Frühjahr 1942 mit 310 Beschäftigten, fast ausschließlich angeworbene Italiener, und weniger als 250 Tonnen/Monat in Betrieb gehen. In einem Bericht des OKH an Generalfeldmarschall Milch vom 31. Dezember 1941 (Geheime Kommandosache) wurde allerdings für Döberitz eine Monatsproduktion des „Edelsprengstoffes“ Hexogen von 500 Tonnen gemeldet. Berichte „nach oben“ waren also stets mehr oder weniger „frisiert“. 1944 wurden mit ca. 650 Beschäftigten 500 Tonnen/Monat hergestellt.

Am 2. Mai 1945 stellten die Salpetersäureanlage und die Hexogenfabrik die Arbeit ein. Die Anlagen wurden unversehrt durch die Rote Armee besetzt. Die Produktionseinrichtungen wurden demontiert und zum größten Teil in den Südural gebracht. Von der Salpetersäureanlage blieb eine Trümmerlandschaft zurück. Die Hexogenfabrik ist buchstäblich von der Erdoberfläche getilgt, nur Reste von Erdwällen sind noch zu erkennen. Die Erdwälle sollten bei Explosionen vor Splitterflug schützen. Faszinierende Spuren der wechselvollen Döberitzer Industriegeschichte!

Es muss indes auch heute noch davor gewarnt werden, die ehemaligen Fabrikflächen außerhalb der Wege zu betreten. Die Gefahr, in alte Versorgungskanäle oder Gruben einzubrechen, ist immer noch vorhanden.

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