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Vogelzählung
Kraniche ziehen von Oberhavel aus in den Süden

Marco Winkler / 23.10.2018, 20:17 Uhr
Linum/Kremmen (MOZ) Am Dienstag zählten freiwillige Helfer in Linum insgesamt 38 796 Kraniche. Vorige Woche waren es 74 440. Die Vögel, die zwischen Fehrbellin und Kremmen rasten, ziehen so langsam gen Süden. Ein Besuch.

4.50 Uhr, Oranienburg. Der Wecker klingelt mitten in der Nacht. Die nächsten anderthalb Stunden fühlen sich für den Redakteur dumpf an. Im Autoradio: Trump, Bauhaus Dessau und die Band Feine Sahne Fischfilet, die Meeresbrücke zwischen Hongkong und China wird eröffnet, das Wetter. Sechs Grad Celsius.

6.15 Uhr, Naturschutzstation Rhinluch in Linum: Helga Müller-Wensky vom Landschaftsförderverein Oberes Rhinluch begrüßt die Kranichzähler. Sie ist Rastplatzbetreuerin. Im Hintergrund wird für die ehrenamtlichen Helfer das Frühstück vorbereitet. Bis dahin ziehen noch einige Stunden sowie zehntausende Kraniche ins Land.

Elf Zählstationen gibt es rund um die Schlafplätze der Kraniche. „Wir müssen gucken, ob wir heute alle abdecken können“, so Müller-Wensky. Entwarnung: Es sind genügend Helfer dabei. Jeder Platz muss doppelt besetzt werden. Einer zählt, der andere notiert die erfassten Daten. Die meisten haben ihre Stammplätze. Wichtig ist Helga Müller-Wensky die Kontinuität der Freiwilligen. Die Zähler müssen eingewiesen werden. „Oft stehen sie und staunen einfach nur“, so die Rastplatzbetreuerin. Ein positives Beispiel: „Es gibt ein Ehepaar aus Bochum, das einmal in der Storchenschmiede zu Gast war. Ich konnte sie überreden, Kraniche zu zählen“, sagt sie. „Seitdem verbringen sie jedes Jahr eine Woche Urlaub hier und helfen.“

7.10 Uhr: Die Zähler schwärmen aus. Müller-Wensky schickt voraus: „Ich kann nicht versprechen, dass es heute viele Kraniche werden.“ Am Freitag habe sie einen starken Abzug der Vögel wahrgenommen. Auf dem Weg von ihrem Brutgebiet in Skandinavien legen die Vögel im Niedermoor zwischen Fehrbellin und Kremmen eine Zwischenstation ein, bevor es in den warmen Süden geht. In Hessen wurden vorige Woche um die 50 000 sogenannte Überflieger festgehalten. „Am Montag gab es einen Überzug von 50 000 Vögeln in Nordrhein-Westfalen.“ Ein Großteil der Tiere stamme aus dem Rhinluch.

7.30 Uhr, kurz vor Linum am Beobachtungsposten an der L 16: Zwei Stunden Zählung beginnen. Doch nicht alle Tiere können erfasst werden, da nicht alle in diesen zwei Stunden ihren Rastplatz verlassen, um auf Futtersuche zu gehen. „Teilweise bleiben sie bis mittags in ihrem Schlafgebiet. Kraniche halten sich eben nicht an unser Zeitfenster.“ Das Teichgebiet im Luch mit seinem 30 bis 40 Zentimeter tiefen Wasser biete optimale Bedingungen als Schlafplatz.

7.38 Uhr: Die ersten zehn Kraniche ziehen vorbei. Zwei Minuten später weitere sieben. Dann 13, gefolgt von 23. Ausgeschlafene Kleinstgruppen. Die ungeraden Zahlen erklären die akkuraten und nicht aufgerundeten Ergebnisse der Zähltage. Größere Formationen werden nur geschätzt. Die Stationen bilden ein engmaschiges Netz. „Es werden dadurch Tiere doppelt gezählt“, so Müller-Wensky. Zehn Prozent der gezählten Tiere werden deshalb aus der Statistik abgezogen.

8.15 Uhr: Immer noch sechs Grad. Der kalte Wind zieht so langsam in die Kleidung. Schal und Handschuhe liegen zu Hause. Die Kraniche, die am wolkenverhangenen Himmel wie lebendige Papierschnitte anmuten, kämpfen ebenfalls gegen den Wind an. Sie haben Mühe, ihre Flugroute zu benutzen, ziehen deshalb einen Bogen um die Zählstation herum, die sie sonst überfliegen. Dennoch sind sie anmutiger und geordneter als die Gänse, die ebenfalls zu Tausenden das Rhinluch bevölkern.

8.50 Uhr: Zwei Kilometer weit sind die Laute der Kraniche zu hören. Die Luftröhre, die als Resonanzkörper dient, kann bis zu 130 Zentimeter lang sein. Daher das unverwechselbare Trompeten der Tiere. Ab und an fliegen Mini-Gruppe an den Zählern vorbei, die jedoch andere, leisere Rufe von sich geben. „Das Fiepen kommt von den Jungtieren“, erklärt Helga Müller-Wensky, die Jacke und Weste fest zuzieht. Der Wind frischt merklich auf. „Kraniche zählen, das muss man schon wollen“, sagt die Natur-Fotografin.

9.20 Uhr: Müller-Wensky fährt einige Stationen ab. Unterwegs: Kraniche auf Feldern. Durch die extreme Hitze und Trockenheit in diesem Jahr ist das Futterangebot begrenzt. Im kümmerlichen Mais fanden sie nur vereinzelte Kolben. Doch Kraniche seien flexibel, so Müller-Wensky. Sie steuern Felder an, auf denen Senf, Rettich und Hafer angebaut werden.

9.40 Uhr: Zurück in der Naturschutzstation Rhinluch. Frühstück nach knapp 39 000 gezählten Kranichen. Und endlich der lang ersehnte, heiße Kaffee.

Informationen zu Zählungen und angebotenen Foto-Touren gibt es unter www.oberes-rhinluch.de und www.kraniche-linum.de.

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