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Zeugnisse des Widerstands

Ruth Buder / 25.10.2018, 09:00 Uhr - Aktualisiert 26.10.2018, 08:48
Diensdorf-Radlow (MOZ) Friedhöfe und alte Grabstätten haben für viele Menschen etwas Faszinierendes. Das Oder-Spree Journal hat Geschichten rund um Friedhöfe recherchiert – heute in Diensdorf-Radlow.

Wer den Radweg von Diensdorf-Radlow in Richtung Herzberg nimmt, dem kann die gepflegte Grabstelle am Wegesrand nicht entgehen. Mitten in der Landschaft finden sich in einer Umfriedung vier Grabsteine. Begraben sind hier unter anderem Emilie und Emil Wolf. Sie fand hier ihre letzte Ruhe 1956, ihr Mann 1969.

Wie kommt so ein kleiner Friedhof fernab der umliegenden Dörfer an diesen ungewöhnlichen Ort? Stefan Petrick, Ortsvorsteher von Diensdorf-Radlow, weiß es: „An dieser Stelle befand sich einmal der ehemalige Friedhof von Radlow.“

Nachdem Anfang der 1960er-Jahre das Örtchen Radlow nach Diensdorf eingemeindet wurde, wurde der Radlower Friedhof stillgelegt. „Das muss in den 1970er-Jahren gewesen sein“, so Petrick. Vor etwa zehn Jahren sei der Friedhof beräumt worden.

Da die Radlower Toten nicht umgebettet worden seien, hätte man sich entschlossen, zu ihrer Erinnerung einige Grabsteine stehen zu lassen. Aber auch, weil hier in dem Waldstück am Radweg etliche Kriegstote begraben liegen – ein marmornes Kreuz und eine Tafel „Zum Gedenken der Kriegstoten“ erinnert an sie. „Die Anlage wird von unseren Gemeindearbeitern gepflegt“, so Petrick.

Auf dem nun gemeinsamen gepflegten Friedhof in Diensdorf-Radlow fallen neben den hübschen Gräbern und der inzwischen überall üblichen „grünen Wiese“ zur anonymen Bestattung Tafeln auf, die an Berühmtheiten des Ortes erinnern.

So von Paul Rentsch und Herbert Richter. Die beiden in Berlin lebenden Männer hatten in den 1940er-Jahren Ferienhäuser in Diensdorf und waren Nachbarn.

Sie waren Hitler-Gegner und gehörten zu den Verfassern des am 15. Juli 1943 entstandenen Manifestes „Die Zukunft von morgen wird ein geeintes sozialistisches Europa sein“.

Es sollte der Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes gegen die nationalsozialistische Diktatur dienen. Außerdem half die Gruppe im Untergrund lebenden Juden, indem sie ihnen falsche Personalpapiere besorgten.

Aufgrund dieser politischen Aktivitäten wurde Paul Rentsch am 5. September 1943 in seinem Haus in Diensdorf von den Nazis verhaftet und ebenso wie Herbert Richter am 8. Mai 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.  Sie wurden enthauptet. Paul Rentsch war damals 46, Herbert Richter 43 Jahre alt.

Ein weiterer Prominenter, der hier seine letzte Ruhestätte fand, ist Henri Jeannin (1872-1973). Der gebürtige Franzose ist als Rennsportler und Fabrikant zu seiner Zeit sehr berühmt. „Viele Diensdorf-Radlower und auch ich kennen ihn noch persönlich“, sagt Stefan Petrick. „Er war ein sehr charmanter, älterer Herr.“

1901 gründet er in Berlin das erste Autohaus „Internationale Automobil Centrale Jeannin und Co.“ 1904 kommen eine Automobilfirma unter dem Namen „Argus“ und die Argus-Motoren-Gesellschaft dazu. Jeannin und sein Bruder Emil nehmen seither an zahlreichen internationalen Motorbootrennen teil, die Boote sind mit eigenen Argus-Motoren ausgestattet.

500 Siege soll Jeannin eingefahren haben, darunter auch einige auf dem Scharmützelsee. International bekannt wird die Argus-Motoren-Gesellschaft nach dem Bau eines Luftschiffes.

Ab 1909 baut Jeannin unter Beteiligung der Firma Aviatik Flugzeuge und produziert die sogenannte Stahltaube, von denen ein Exemplar noch heute im Deutschen Technikmuseum Berlin zu sehen ist. Jeannin ist nicht nur begeisterter Techniker und Sportflieger, er ist in Berlin auch sehr prominent und gehört zur Schickeria.

Als er 63 Jahre alt ist, kauft er 1936 ein Wassergrundstück in der Hanglage der Hauptstraße in Diensdorf. Von den älteren Diensdorfern wird er als gepflegter, spendabler Herr beschrieben. 1973 stirbt er mit 101 Jahren und wird neben seiner Frau Frieda auf dem Diensdorfer Friedhof begraben. An seiner letzten Ruhestätte erinnert eine Tafel an sein Leben und Wirken.

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Klemens Sydow 25.10.2018 - 14:31:05

Diensdorf-Radlow

Sehr interessant, wer alles so im Ort unterwegs war. Allerdings wurde das "Örtchen Radlow" nicht nach Diensdorf eingemeindet. Beide Orte haben sich 1962 zusammengeschlossen. Deshalb: Diensdorf-Radlow

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